Aus dem „Bad Vilbeler Anzeiger“ vom 15. August 1996, Seite 3


Herta Müller las in der Bad Vilbeler Wasserburg aus „Herztier“ und aus „Hunger und Seide“

 

 

Die Diktatur gejagt von einer meisterhaften Sprache

 

 

 

BAD VILBEL - Zum Abschluß der diesjährigen Literarischen Matineereihe der Bad Vilbeler Burgfestspiele erwartete am vergangenen vergangenen Sonntagvormittag die zahlreich in der Wasserburg erschienenen Literaturfreunde die Begegnung mit der rumäniendeutschen, heute in Berlin lebenden Schriftstellerin Herta Müller. Nach ihren, im Kriterion Verlag Bukarest erschienenen fulminanten Erstlingswerken „Niederungen" (1982) und „Drückender Tango" (1984) hat Herta Müller in den letzten zehn Jahren ein außergewöhnliches Werk geschaffen, mit dem sie sich in die Spitze unserer Gegenwartsliteratur vorgeschrieben hat. Ihre poetisch unübertroffene, meisterhafte Sprache gebiert ununterbrochen brillante, unnachahmliche Bilder, die einen inneren Film ins Rollen bringen und dabei wie spitze Pfeile ins Unterbewußtsein dringen. Herta Müller seziert die Wirklichkeit metaphorisch wie mit dem Skalpell, zerlegt Realität mittels Sprache in all ihre Fasern, um sie danach so zusammenzufügen, wie sie von uns noch nie gesehen wurden.

„Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, sagte Edgar, wenn wir reden, werden wir lächerlich." Mit diesem Satz beginnt und endet auch ihr Roman „Herztier". Dazwischen entfaltet Herta Müller auf gut 250 Seiten die mitreißende Leidensgeschichte einer Gruppe von Freunden, Ausgelieferte allesamt in einer Diktatur. Der Totalitarismus, die schrecklichste „Krankheit" dieses Jahrhunderts, zieht sich als Leitmotiv durch die Bücher Herta Müllers, ist blutiges Werkzeug der Zerstörung des Individuums, ist zugleich Tat- und Leidenskulisse, in der Menschen, die Widerstand gegen ihre Vergesellschaftung und totale Vereinnahmung leisten und nicht bereit sind, sich willenlos in der Diktatur einzurichten, wie Zündhölzer zerbrechen, zerbrochen werden. Verloren ist, wer sein „Herztier" nicht den Dompteuren zur Dressur preisgibt.In „Herztier" wird nicht nur eine ergreifende Passion aufgeblättert, es ist auch ein bedeutsa- mes Buch über den gesellschaftlichen Diskurs und die Sprache als Schmuggelware. Redend schweigen die Repräsentanten der Macht, aufgezehrt vom Feuer ihrer eigenen Nichtigkeit, freilich im Prisma jener betrachtet, die ihre physischen Opfer sind, aber deren redendes Schweigen sich dem Zugriff der Macht entzieht und sie in dem Inferno unerreichbar weit über ihre Peiniger erhebt. Nichts aber ist schlimmer und absurder für Mächtige, als machtlos zu sein, als kapitulieren zu müssen vor inneren Welten, zu denen sie keinen Schlüssel haben. Da sie sich am Leben der „bösen Saat" die Zähne ausbeißen, schwingen sie sich haltlos in höchster Selbstentblößung auf, Herren über den Tod zu werden, nekrophil Rache zu nehmen an den Entseelten, bleiben aber doch nur perverse Mimen. Allein eine Analyse der vielfach ineinander verschränkten Gründe, die die Studentin Lola zum Selbstmord treiben, wonach sie übrigens in feierlichem Rahmen verdammt und aus der Partei ausgeschlossen wird, könnten Bücher füllen.Wer „Herztier" liest, sollte den Bleistift nicht vergessen, denn die Zahl von außergewöhnlichen Formulierungen, die aus dem Inneren der Unruhe quellen und die man sich am liebsten für die Ewigkeit merken möchte, sind Legion. Nur zwei Beispiele der ersten Buchseite, die den Rahmensatz als Weiterungen variieren, seien hier erwähnt: „Mit den Wörtern im Mund zertreten wir so viel wie mit den Füßen im Gras", oder „Das Gras steht im Kopf. Wenn wir reden, wird es gemäht. Aber auch, wenn wir schweigen. Und das zweite, dritte Gras wächst nach, wie es will. Und dennoch haben wir Glück."Auf der Bühne der Burgfestspiele, inmitten der Kulissen für Kleists „Zerbrochenen Krug" las Herta Müller im zweiten Teil der Matinee aus „Hunger und Seide" ihre Rede zur Verleihung des Kleist-Preises 1994 „Von der gebrechlichen Einrichtung der Welt". Von einem Kleist-Zitat ausgehend erinnerte sie gleichnishaft und literarisch bestechend die Szene vom Tode eines Mädchens, das im Fluß von ihrem verschreckten Pferd totgetrampelt wird, und beschreibt in großer Eindringlichkeit, wie der Vater zur Axt greift und das Pferd erschlägt. Unmerklich spinnt die Autorin den Faden der frappierenden Geschichte - Kleist stets umkreisend - weiter, zum Exkurs über die Diktatur, das Animalische und die Degradierung des Menschen.Nachdem der kräftige Beifall für die nachhaltige Lesung verklungen war, stand die Autorin ihrem Vilbeler Publikum noch Rede und Antwort, gab Auskunft über ihr Schreiben, ihre literarischen und auch politischen Ansichten, nahm Stellung zur prekären Situation in Rumänien und streifte auch den Exodus der deutschen Minderheit in dem Balkanstaat. „Die intaktesten Institutionen der Rumäniendeutschen sind heute ihre Altersheime. Ich weiß, das klingt zynisch, aber es ist so", sagte die 1953 in Nitzkydorf, im Banat geborene Schriftstellerin, die für ihr literarisches Oeuvre mit einer Reihe namhafter Literaturpreise ausgezeichnet wurde und noch bis zum 30. August Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim ist.Horst Samson

 
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