Das Problem mit dem Vergessen

Zu: Horst Samson: Und wenn du willst, vergiss – Gedichte; mit einem Nachwort von Andreas Saurer; POP Verlag, Ludwigsburg 2010; 126 Seiten; ISBN 978-3-937139-92-0; € 14,90

Von Mark Jahr


Die Gedichte dieses Bandes sind alle schon mal in anderen Büchern Horst Samsons erschienen - und zwar im Zeitraum 1981 – 1994. Man merkt hier, wie sinnvoll es ist, Literatur immer wieder neu aufzulegen. Wer vergessen will, muss ja nicht zugreifen. Wer aber damals nicht zugegriffen hat und vielleicht einen Geschmackswandel, eine Interessenverschiebung oder gar eine kulturelle Neuorientierung durchgemacht hat, ist mit diesem Band bestens bedient. Zu den Lesern können aber auch Menschen gehören, die im Ersterscheinungszeitraum noch gar nicht geboren waren.

TIEFFLUG (1981). Diese Gedichte kommen aus Rumänien. Kleinschrift. Und sie erzählen. Das hat nichts mit introvertiertem Befindlichkeitsgejammer zu tun. Die epische Lyrik Horst Samsons ist fest im damaligen Leben unter der „Obhut“ der Diktatur verankert. Es war die Zeit, in der man sich oft dachte, „es geht weiter“, und sich dabei bewusst wurde: „wir sind weniger geworden“. (ES GEHT WEITER). Dabei könnten die Hoffnungen durchaus konträre Ziele anvisiert haben: Während die einen hofften, es werde mit der Auswanderung weitergehen – irgendwann ist man dann selber an der Reihe -, hofften andere, es werde vor Ort weitergehen, auch wenn so viele weggehen.

Wer aus diesen Breitengraden kommt, weiß, was mit den vielen Andeutungen gemeint ist. „bruder schnitzt / sieht fußball / kauft fischfutter / und meint / dass bald etwas kommen müsse“. (FAMILIE ’80). Und man fühlt sich selbst irgendwie behaust in diesen Gedichten. „heute / den vierundzwanzigsten jänner / wider durch den rauchfang / gekledert ... / zweiter feber / bei rumänischen grosbauer / kindtsdaufe gespihlt /“ (SCHNEEHÜTTE) usw. Das ist auch meines Vaters Orthographie, nur hatte der das Glück, solche Tagebücher nicht im Baragan führen zu können oder zu müssen.

Trotz des Bleihimmels der Diktatur, der über diesen Gedichten schwebt, zwinkert Samson oft mit der SPRACHE. Der Dichter lässt sich nicht gehen. Da ist für Selbstmitleid kein Platz. Aber für zweideutige Pointen ist allemal Stoff, Erzählstoff - auch in Notsituationen - vorhanden: „die leute die einsteigen mit großen koffern / die fortfahren unablässig fortfahren / zu reden“ (EISENBAHNFAHRT GROSSSANKTNIKOLAUS – TEMESWAR). Und für die anderen, die Rumänen, kommt keine aggressive Abneigung auf. Nichts derlei ist zu spüren, obwohl es im Alltag schon manchmal auch anders aussah.

REIBFLÄCHE (1982). Man muss als Rezensent loslassen können. Es gibt Gedichtbände, da hat man das Bedürfnis, zu jedem Gedicht etwas zu sagen - zum Glück. „Und wenn du willst, vergiss“ ist ein solcher Band. Der Wiederverkaufswert meiner Bücher – Pardon, der Bücher in meinem Besitz – ist gleich Null. Verkritzelt, unterstrichen, Pfeile, Linien usw. Noch aber kann ich auf Seite 63 entziffern: „ – dieses Gedicht wird ja wohl kaum in Rumänien erschienen sein.“ Das ist für mich Anlass genug zum Wiederlesen.

FESTSTELLUNGEN ÜBER EIN DORF AUF DEM MOND. Nur zwei Beispiele von vielen aus diesem Gedicht: „der anpassungszwang / wächst schneller / als ein bambustrieb // (...) // im konsumladen / gibt’s außer zigaretten und tennisschuhen / nur noch den verkäufer“. REIBFLÄCHE ist 1982 im Kriterion Verlag Bukarest erschienen, werde ich eines Besseren belehrt. Wo waren da die Zensurfuzzis, frage ich mich. Das war aber eine schwache Vorstellung, Genossen!

Da gibt es dann auch die apolitischen Themen. Den Generationenkonflikt zum Beispiel. ES DARF GEWEINT WERDEN – für Vater. Wir erleben hier einen grundehrlichen Horst Samson, wie übrigens in allen Gedichten, in denen er Familienmitglieder, besonders Frau Edda und Sohn Elvis, mit einbezieht. Das tut gut. Dichter müssen nicht irgendwo herumschweben. Sie sind unter uns, haben eine Familie, kennen Liebe, Sorgen, Wut und Trauer. Und sie haben Humor, auch sarkastisch angehaucht, schwarz: „so reise ich um die welt im bett / und bin frei / vogelfrei“. (FREIVOGEL IM ABENDLICHT – stephan hermlin zugeeignet). Diese Zueignung Samsons deutet auf die Affinität der (damals) jungen rumäniendeutschen Literaten für die (damalige) DDR-Literatur. Also doch nicht so apolitisch? Übrigens: Stephan Hermlins Vater, David Leder oder Leider, wurde 1888 in Jassy geboren und war bis 1925 rumänischer Staatsbürger.

WAS NOCH BLIEB VON EDOM (1994). Der Dichter ist längst in Deutschland, doch RUMANIA BY NIGHT - für Ludwig Fels und Guntram Vesper ist noch in ihm. Er ist auch älter geworden. Und schon verlangt die Erinnerung an Menschen und Geschehen, wenn auch nur aus zweiter Hand, immer stärker ihr Recht und man sieht sich zu Nachbemerkungen veranlasst, die keine Klärung bringen. (NACHBEMERKUNGEN ZU MEINER GEBURT – meiner Mutter gewidmet).

Oh ja, dann ist es da, das Gedicht aus der Schublade, noch in Temeswar geschrieben, aber erst in Deutschland veröffentlicht. Genial: ZUSAMMENFALTEN DER ZIMMERWÄNDE – für Elvis und Edda. Auswandern. Andere haben Romane darüber geschrieben. Horst Samsons Habseligkeiten teilen sich in „nehmen“ und „lassen“ unter dem Fragezeichen. Total sechs (6) Zeilen.

Erinnerung hin, Erinnerung her. Man ist angekommen. Auch der Lyriker Horst Samson (geb. 1954). Selbst wenn das eine oder andere Gedicht als Entfremdung (REPRODUKTION) wahrgenommen und der Bahnhof (VERSUCH ÜBER DEN ABWESENDEN BAHNHOF) wohl nie seine Symbolkraft für das ewige „Nachfernen“ verlieren wird, bleibt die Hoffnung bestehen, dass der aus dem Banat stammende Dichter uns auch in Zukunft das eine oder andere Gedicht – er soll ja ein Wenigschreiber sein - mit einem Hauch von geistiger Bodenständigkeit schenkt.

 

Aus der "Karpatenrundschau", 9. September 2010, Seite 11

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