Horst Samsons Poem „La Victoire“

Von Johann HOLZNER*

Der Titel dieses Poems ist kurz und bündig, wirkt präzis und bleibt doch zugleich rätselhaft: „La Victoire“. Das Poem gliedert sich in 6 Abteilungen, jede Abteilung enthält eine Reihe von Gedichten, mindestens 4, maximal 12; für die Einleitung sorgt zunächst ein Motto, ein Zitat aus T. S. Eliots „Das wüste Land“ („These fragments I have shored against my ruins“ / „Diese Scherben hab ich gestrandet, meine Trümmer zu stützen“) und schließlich ein Gedicht, das ganz isoliert steht und wohl als Prolog zu verstehen ist: „Farbe bekennen“. – Von allem Anfang an deuten alle Zeichen auf Klartext-Lyrik. Aber sie führen in die Irre.

Horst Samsons Poem „La Victoire“ ist zweifellos eines der interessantesten Zeugnisse der neueren rumänien-deutschen Literatur, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht; zum einen, weil seine Anfänge zurückreichen in die Zeit der nationalkommunistischen Diktatur, seine endgültige Fassung jedoch in der Bundesrepublik Deutschland entstanden ist, zum andern, weil es, wie schon Peter Motzan festgestellt hat, gleichermaßen als „Psychogramm einer Identitätsberaubung“ und als „Soziogramm eines geknebelten Landes“ gelesen werden kann, zum dritten, weil es zahllose intertextuelle Signale enthält, die nicht nur, wie Spuren einer verdeckten Schreibweise, alle diese Gedichte miteinander verknüpfen, viel mehr sie auch einbinden in einen unabgeschlossenen Dialog mit anderen Literaturen, und zu guter letzt, weil dieses Poem sich keineswegs damit begnügt, ein historisches, ein Zeitdokument zu sein: Indem es die verschiedenartigsten Verfahrensweisen der Poesie, traditioneller und zeitgenössischer Poesie nutzt, präsentiert es neben eindrucksvollen Bildern aus der Endphase der finsteren Diktatur in Rumänien Verse über Verse, die auch die Perspektiven der Darstellung selbst in einen unaufhörlichen Reflexionsprozess hineindirigieren. Das gute alte Schwarz-Weiß wird somit unterlaufen und ausgelöscht, und der Titel des Prologs, „Farbe bekennen“, gewinnt eine doppelte Bedeutung. „La Victoire“ reiht sich in jenen Strang der politischen Poesie ein, den im deutschsprachigen Raum Heinrich Heine begründet hat; wäre das lyrische Ich in Horst Samsons Poem nicht derart bescheiden- zurückhaltend, wie es sich tatsächlich gibt, so stünde diesem Band auch eine ganz andere Überschrift gut an: „Rumänien. Ein Wintermärchen“.

Die eben angeführten vier Punkte weiter auszuführen, wird das Hauptgeschäft des folgenden Referats sein. Vorangestellt seien jedoch noch einige Stichworte zur Biographie und zu den Veröffentlichungen des Autors.

Horst Samson wurde 1954 geboren, und zwar in der Baragan-Steppe im Südosten Rumäniens; schon 1951 hatte das kommunistische Regime damit begonnen, Sympathisanten des „Klassenfeinds“, darunter auch viele der im Banat lebenden Deutschen, in diese unwirtliche Gegend zu verbannen, auch Samsons Eltern waren dorthin vertrieben worden. Er wurde Lehrer, Journalist, Redakteur der in Bukarest erscheinenden „Neuen Literatur“. 1978 erschien sein erster Gedichtband in Temeswar, weitere Gedichtbände folgten. Er war Vorstands-Mitglied und Sekretär des Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises in Temeswar, veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien, seit den 80er-Jahren auch in Deutschland, bei Claassen, Volk und Welt, Luchterhand, Hanser, List, Reclam in Leipzig und anderen Verlagshäusern, erhielt auch einige Literaturpreise, darunter noch einen Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes (1981), später indessen Schreibverbot und schließlich Morddrohungen von Seiten des rumänischen Sicherheitsdienstes. 1987 emigrierte er mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland. – Einzelne Gedichte Samsons wurden ins Rumänische, Ungarische, Serbokroatische, Russische, ins Englische und Französische übersetzt, in den 90er-Jahren folgen weitere Auszeichnungen, unter anderem der Förderungspreis des international ausgeschriebenen Lyrikpreises Meran (1998); aber von einem Durchbruch konnte, kann nach wie vor keine Rede sein.

Die Bemühungen des Zuwanderers, im literarischen Leben Deutschlands Fuß zu fassen, sind in keinem Migrations- und Integrationsbericht aufgezeichnet. Über die Hürden aber, die sich ihm in den Weg gestellt haben, gibt die Entstehungsgeschichte des Poems „La Victoire“ anschaulich genug verlässliche Auskunft.

An den ersten Versen, die als Vorstudien des gesamten Zyklus zu sehen sind, arbeitet Samson bereits in den frühen 80er-Jahren. Das erste einschlägige Gedicht, „nokturne“, erscheint in der „Neuen Banater Zeitung“ am 25. September 1983. Franz Hodjak, damals noch Lektor eines Verlages in Klausenburg, der als erster den Urtext des Poems zu Gesicht bekommt, ermuntert Horst Samson, das Gedicht auszubauen; die Teile I bis V werden bis 1986, der Epilog wird nach der Emigration, also in Deutschland konzipiert. Danach werden die Texte immer wieder überarbeitet, teilweise da und dort auch veröffentlicht , doch kein Verlag übernimmt den geschlossenen Zyklus; erst im Jahr 2003 wird dieser endlich in der von Heinz Ludwig Arnold herausgegebenen Books on Demand-Reihe „Lyrikedition 2000“ wenigstens einmal elektronisch gespeichert. Jetzt, anders als in Rumänien, sicher vor der Zensur. Aber wohlverborgen vor den Augen des Literaturbetriebs.

Auf die früheste, genauer: die erste noch erhaltene Fassung von „La Victoire“, viereinhalb Seiten, mit der Schreibmaschine geschrieben, träfe am ehesten die Genre-Bezeichnung „Lyrisches Protokoll“ zu. Ein lyrisches Ich, das syntaktisch die längste Zeit nicht in Erscheinung tritt, als wäre die Außenwelt alles, hingegen die Innenwelt nichts, versucht penibel zu registrieren, was in seiner allernächsten Umgebung sich zuträgt: „Jalousien zerteilen/ Das Licht, spalten das Leben/ In Streifen. Die Nacht ist kalt// Gestellt und kommt wieder// Mit Zackenfirn. Der Tag/ Ist zu// Geschlagen [...].“ Was immer dieses Gedicht festhält, es ist, das wird schon von den Verben unterstrichen, ein Prozess der Zerstörung, eine mutwillige Zerstörung jeglicher Zivilisation: „Bald entfernt sich das Haus,/ Der Fußboden/ Verschwunden schon. Auf dem Fenster klebt/ Blaues Pack// Papier [...].“ Im Partizip Perfekt verrät sich nicht nur, dass der dargestellte Prozess irreversibel ist („verschwunden“), sondern ebenso deutlich, dass eine höhere Macht ihn vorantreibt („kalt/ Gestellt“, „zu/ Geschlagen“), eine Macht allerdings, die anonym bleibt, anonym bleiben muss, solange sie noch in Amt und Würden ist.

In der endgültigen Fassung des Poems ist diese verdeckte Schreibweise, das Signum der Inneren Emigration , nicht länger ein erzwungenes, doch vielmehr ein wirkungsvoll eingesetztes Stilmittel der Darstellung des Ausgesetzt-, des Verloren-Seins. Im Protokoll stehen noch die folgenden Verse: „Etwas geht durch’s Haus wie der Schatten/ Eines Wortes,/ Dann ist es still. In die Stille hinein/ Singt Jani, der Dorfnarr:/ Die Hoffnung/ Ist ein anderes Land, singt Jani, ein Knödel,/ Der reitet/ So spät. Wir müssen die Fliegen/ Impfen.“ In der letzten Fassung heißt es dagegen (S. 16):

ETWAS GEHT DURCHS DORF WIE DER SCHATTEN

Eines Wortes, marschiert durch

Die Pfützen. Der Traum, singt Jani,

Der Dorfnarr, ist ein anderes Land, singt er,

Ist ein windiger Knödel, der rudert

So spät durch die Einbrennsuppe. Und wir müssen so

Fort und auf der Stelle die Fliegen alle

Impfen, sonst sterben sie uns mit

Den Sternen schon vor Lerchenstieg auf

Und davon.


Mag sein, dass hier manches deutlicher markiert ist, die Macht des Militärs beispielsweise, das „marschiert durch// Die Pfützen“. Die meisten Veränderungen jedoch, namentlich die stärkeren Enjambements stellen nur eines heraus: dass die Menschen in der beschriebenen, vollkommen erstarrten, von allen guten Geistern verlassenen Welt längst verloren sind, zurückgefallen durch die Jahrhunderte, in die Welt Woyzecks, und ebenso unfähig wie dieser, das Ruder noch einmal herumzudrehen, oder wenigstens auf und davon zu laufen.

Die endgültige Fassung, und nur von dieser wird hier im folgenden noch die Rede sein, macht nie ein Hehl daraus, dass mit dem abgebildeten „niedergetrampelten Land“ (S. 51) das Rumänien der 80er-Jahre gemeint ist; ein Staat, in dem nur die Siege verzeichnet, die Niederlagen aber währenddessen unter den Teppich gekehrt werden, in dem der Stillstand zum Maß aller Dinge wird: „SIE BAUEN VIEL,/ Sie bauen hoch,/ Sie bauen uns/ Den Sieg auf den Fuß und die Bewegung wird/ Zum Feind der Bewegung. [...] Wir befinden uns mitten im Bürgersieg,/ Schreibt der Dichter auf/ Ein Blatt Papier.// Hörst Du die Posaunen, Guillaume?/ Auf Erden singen die/ Bestochenen Engel:/ La Victoire, singen sie [...]“ (S. 51). Weil das Poem von ungemein konkreten Beobachtungen seinen Ausgang nimmt, ist der in jedem Gedicht anvisierte Schauplatz ohne weiteres wiederzuerkennen. Gleichwohl bildet die Geschichte Rumäniens nur eine Folie; vor dieser Folie steht jede Diktatur direkt am Pranger. „In erfundenen Paradiesen sind wir/ Eingeschlossen, es verschlägt uns// Die Sprache [...]“ (S. 13). Was in den Zeilensprüngen oder in den Kipp-Bewegungen zwischen wörtlich und metaphorisch zu verstehenden Wendungen zum Vorschein tritt, ist auf jede andere Gewaltherrschaft in jeder anderen Epoche leicht umzumünzen. Spielend geradezu. – Manche dieser Gedichte betonen den spielerischen Charakter der Poesie auch in finsteren Zeiten sogar emphatisch.

SCHATTENMANN, WER

Bist du oder bist du

Nicht, und warum

Folgst du mir und trägst

Den Ledermantel

Im Gesicht?

(S. 63)

Reime dieser Art finden sich indessen in diesem Poem selten. Denn die „Haupt“-Wörter, die zuallererst dazu beitragen, dass die Verbindungen zwischen den Gedichten nicht zu übersehen sind, taugen weit eher dazu, das Ungereimte der besprochenen Welt bloßzustellen: Mauern, Zäune, Wachtürme, Schützengräben prägen die Landschaft, zu hören sind vorwiegend Befehle, Flüche, Kalaschnikow-Geräusche, und dort wo auch diese verstummen, stören den Kirchhof-Frieden noch immer Maulwürfe, Ratten und Wolfshunde. Es bedarf keiner Reime mehr, Zusammenhänge zu stiften zwischen den einzelnen, oft isoliert stehenden Versen.

Zumal diese Verse durch ein weiteres Charakteristikum eng aneinander gebunden sind, nämlich durch eine Fülle intertextueller Signale. Als hätte das lyrische Ich in seiner eigenen Welt keine Gesprächspartner mehr, sucht es Verbündete, Trost und Zuspruch in der Welt der Literatur, in der Weltliteratur. Antike Mythen, Homer und Dante werden zitiert, Schiller, Hölderlin, Rilke und Brecht, Ezra Pount, Djuna Barnes, Mallarmé; die Liste ist noch immer ergänzungsbedürftig. Kein anderer Vorläufer aber taucht so häufig auf wie Guillaume Apollinaire, aus dessen Dichtungen Samson sowohl seinen Titel wie auch eine Reihe von Bruchstücken entnimmt, die er jeweils vor seine eigenen Kapitel und dann zu diesen Kapiteln in Beziehung setzt.

Aus diesem Verfahren gewinnt das lyrische Ich in einer scheinbar ausweglosen Situation ab und an Zuversicht; das Poem insgesamt aber weit mehr, denn mit diesem Verfahren eröffnet Samson einen Dialog über die Rolle der Literatur in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Konstellationen, über Macht und Ohnmacht der Poesie vornehmlich dort, wo das Gefühl, jeder Halt sei zerbrochen, alle anderen Empfindungen überstrahlt und unter sich begräbt.

WER HAT ZUM ERSTENMAL DAS WORT

Sieg gedacht?

Die Vergangenheit

Schweigt. Die Niederlage

Spricht wie

Ein Erfolg. Sie sagen etwas

Wir verstehen

Was anderes.

La victoire avant tout sera ...

(S. 50)

Gültiges, sorgfältig ausformuliert, so dass es bequem zu zitieren wäre, stellen diese Texte nicht mehr parat. Nur Scherben, wie das bereits das erste Motto verspricht. Aber indem die Wörter, die auf diesen Scherben zu lesen sind, in eine Textur gebracht werden, in der auch die scheinbar längst festgelegten Bedeutungen noch einmal zu schillern beginnen oder neuen Bedeutungen Platz machen müssen, verschieben Samsons Gedichte, wenigstens versuchsweise, die herkömmlichen Grenzen der Wahrnehmung. Und sie nähren somit die Hoffnung, auch über Sieg und Niederlage sei das letzte Wort noch nicht gesprochen.

ICH ZEIGE DIR DIE PFLAUMENGÄRTEN,

Marie, unsere weiße Wolke die

Sich bewegt mit uns. Während der Herbst

Die Blätter an sich reißt, die dünnen Blätter

Papier, und jedes

Äderchen registriert. So schwimmt meine Haut

Neben deiner Haut durch das gestohlene

Land – jene Wolke

Die nie vergeht. La Victoire!

(S. 32)

In der Adaptierung des berühmten Brecht-Gedichts „Erinnerung an die Marie A.“ ist nichts ausgeblendet, was das unterdrückte, „das gestohlene Land“, Rumänien im „Herbst“, in der letzten Periode der kommunistischen Diktatur kennzeichnet. Im Gegenteil, die Anspielungen auf die Aktivitäten der Zensurbehörde oder des Sicherheitsapparats sind überdeutlich. Doch ganz aufgegeben hat das lyrische Ich, das hier nicht zufällig (im Satzbau) sich vor allem anderen auf seinem Posten behauptet, übrigens zum ersten und zum letzten Mal in diesem Zyklus, seine Hoffnungen nicht. Alle Warntafeln missachtend, die eine andere Sprache, nämlich die Sprache der Macht verkünden, die Sprache der Realität, setzt es offensichtlich weiter geduldig auf die „dünnen Blätter“, auf die „weiße Wolke“, auf die zarte Pflanze der Phantasie. Auch auf das Paradoxon, welches besagt, dass, was „sich bewegt“, „nie vergeht“. Während die Macht keinen Widerspruch duldet, kann das Ich mit Widersprüchen gut leben.

So bäumt es sich denn auch immer wieder auf, selbst wenn es sich umzingelt sieht von Signalen, die ihm attestieren, dass es keinen Ausweg mehr gibt.

SIE SPRACHEN LEISE ÜBER IHRE HAUT.

Die Stimmen schienen einsam und flatterten

In innerer Erregung. Sie sprachen

Über eine Zeit, da Liebende

Leicht verlieren. Schnee trieb durchs Zimmer.

Schief gegen den Wind gestemmt schlug ich

Den Mangelkragen hoch. Die Augen leuchteten

Im Fieber. Die Sprache war verweht.

Was ich sah, war kein Weg, war

Kein Land. Im Gehen

Schien es mir,

Als wollte ich am liebsten vergehen, doch ich schrieb:

Jeder Strich verletzt die Welt!

(S. 70)

Isoliert betrachtet, wäre das Gedicht schwer verständlich, oder auch offen für allzu viele und damit ins Beliebige schleudernde Deutungen. Im Kontext des gesamten Poems jedoch, es steht am Ende des V. Kapitels, bedarf es kaum mehr eines weiteren Kommentars. Allenfalls das eine ist noch hinzuzufügen: Weil die Identität der Figuren, von denen das Gedicht redet, nie sonderlich genau charakterisiert wird und sie alle, das Ich eingeschlossen, wie Nomaden auf den Plan treten, wie Menschen, die keinen festen Ort mehr haben auf dieser Welt, entsteht am Ende fast zwangsläufig der Eindruck, das Gedicht, das gesamte Poem Horst Samsons vertrete die Sache aller, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht aus freien Stücken unterwegs sind.

Diesen Eindruck bestätigt ein Kunstgriff, der erst auffällt, wenn man alle Gedichte des Zyklus nebeneinander hält. Die Gruppe, die durch das Personalpronomen „wir“ bezeichnet wird, wechselt ihre Zusammensetzung und Größe von Gedicht zu Gedicht. Das „wir“ kann zwei Menschen zusammenbinden, es kann aber auch alle Niedergetrampelten meinen oder sogar, in einer Rede des Herrschers, das „Ich“ ersetzen. Und damit kaschieren, dass der Sieger allein alles nimmt. Ein Horror, für Zeichner, die das Schwarz-Weiß schätzen.

Horst Samsons Losung heißt dagegen: „Farbe bekennen“ (S.7).

FARBE BEKENNEN

Im Namen des Apfels spreche ich

Uns schuldig. Wir schätzen ihn gering.

Er aber führte uns aus dem Garten

Der ewig gleichgestellten Uhren,

Würde Schiller sagen. Wir wissen nicht wie

Uns geschah, nur verführbar

Sind wir immer. Aber wir haben nichts

Begriffen. Und alles nahm seinen Gang.

Auf den ersten Blick scheint es, als müsste der Prolog des Poems alle Krallen, die in den folgenden Gedichten die Maske der Diktatur zerfetzen, noch rechtzeitig stutzen; als wäre das lyrische Ich der Stellvertreter Gottes auf Erden, der sich gelegentlich einen Versprecher leistet, im übrigen aber allein imstande ist, über Schuld und Unschuld zu richten.

Doch der erste Blick täuscht. Das lyrische Ich, kaum hat es das Wort ergriffen, verschwindet in der Masse, die gleichzeitig immer heftiger attackiert und über die am Ende der Stab gebrochen wird. – „Farbe bekennen“, das meint somit nicht nur, die geschützten Regionen des Duckmäusertums zu verlassen und endlich Klartext zu reden, das meint genauso, die eigene Perspektive mit allen ihren blinden Flecken und Widersprüchen schonungslos aufzudecken. Das meint nicht zuletzt, den Ton des Klagelieds („wir haben nichts“) ziemlich abrupt zu ersetzen durch den nüchternen Ton einer kritischen Selbstreflexion („wir haben nichts// Begriffen“).

Auch im Schlussgedicht des Epilogs, das somit mit dem Prolog korrespondiert, ist von einem Auszug die Rede. Nicht von einem Auszug aus dem Paradies allerdings, vielmehr von der Abreise des lyrischen Ich aus Rumänien, vom Aufbruch „im Morgengrauen“. Ein „grauen“-voller Grenzbahnhof ist der Schauplatz des Finales :

DIE LETZTEN STUNDEN IM GRENZBAHNHOF CURTICI

Haben kein Ende. Die Sätze sind verstummt,

Ausgebrannt. Die Zuikaflasche

Leer. März zersägt die Nacht

In Stücke, die nie mehr zueinander passen werden.

Auf Gleis 1 steht der Zug, wird durchsucht

Von Soldaten und Hunden, wird bewacht

Von Soldaten und Hunden. Der Zöllner hat die Koffer

Durchwühlt. Die Schreibmaschine

Ist abverlangt und beschlagnahmt,

Die Manuskripte, die Sprache. Machet euch

Fertig, befiehlt ein Offizier,

(Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles!)

Und wir sind fertig. H(a)ut ab – wir schlingen

Die Arme um die Hinterbliebenen, Fäden

Unserer Sprachlosigkeit. Die Tränen

Sind beschlagnahmt. Der Ausgang

Ist frei und hat den Hut

Auf! Geht jetzt, geht, sagen die Freunde,

Los, denn ihr lebt, sagen sie,

Dreht euch ja nicht mehr um, geht! „Wir

Gehen jetzt“, sagen wir

Wie ein altgriechischer Chor, und es scheint,

Als hätten wir es geübt,

Das Gehen, die Kunst

Des Winkens im Morgengrauen. Es ist kurz

Vor fünf, und wir gehen. Jeder trägt

Einen Koffer und ein Messer

Im Rücken durch die Kontrolle.

Irr wie in Romanen leuchten

Über dem Bahnsteig Sterne

Um ihr Leben. Ins Offene

Gelehnt sehen wir es glitzern, hören

Befehle, Hundegebell. Die Lok

Pfeift. Das Mädchen ist tot! La Victoire, flüstere ich

In den Fahrtwind, la Victoire! Und schiebe

Das Zugfenster zu ...


Ambivalent, rätselhaft, farbig eben oszilliert noch immer jede Szene, jede Figur, jedes Wort. Ob das „Messer// Im Rücken“ schon steckt oder heimlich durch die Kontrolle geschleust wird, worauf immer das Wort „Irr“ zu beziehen sein mag und wer da am Ende den ein letztes Mal beschworenen Sieg davonträgt, sofern überhaupt von einem Sieg noch zu sprechen ist: das alles bleibt, während das Zugfenster geschlossen und damit der Blick nach allen Seiten versperrt wird, vollkommen offen. Und „La Victoire“ bleibt bis zum Schluss, was die Genrebezeichnung des Urtextes seinerzeit der rumänischen Zensurbehörde zugemutet hat – „ein zerrissenes Poem“.



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(1) Horst Samson: La Victoire. Poem. München 2003 (=Lyrikedition 2000).

(2) Vgl. das Informationsblatt der Lyrikedition 2000: „La Victoire“ (das auch eine Bio-Bibliographie Horst Samsons enthält). München 2003.

(3) Vgl. die in Anm. 2 zitierte Bio-Bibliographie.

(4) Diese Informationen über die frühesten Aufzeichnungen zu „La Victoire“ verdanke ich dem Autor selbst, der mir in einem Schreiben vom 16. März 2003 über die Entstehungsgeschichte des Poems und die ersten Veröffentlichungen einzelner Gedichte berichtet hat.

(5) Neue Banater Zeitung 25. September 1983 (NBZ-Kulturbote): Neben „nokturne“ sind noch zwei weitere Gedichte Samsons in dieser Nummer abgedruckt: „autoporträt I“ und „autoporträt II“.

(6) Vgl. neben der zitierten Bio-Bibliographie das Programmheft zum Lyrikpreis Meran „Lyrik im Gespräch“. Meran 1998, S.61-67.

(7) Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.lyrikedition-2000.de bzw. www.buchmedia.de. Vgl. auch die Besprechungen des Poems von Wolfgang Wiesmüller (in dem unter Anm. 2 zitierten Informationsblatt) und Ulrich van Loyen in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 52, 2003, Heft 3, S.313-314.

(8) Horst Samson: La Victoire – Ein zerrissenes Poem. Manuskript (Kopie beim Verfasser).

(9) Zur Terminologie und zur Problematik vgl. Heidrun Ehrke-Rotermund / Erwin Rotermund: Zwischenreiche und Gegenwelten. Texte und Vorstudien zur ‚Verdeckten Schreibweise’ im „Dritten Reich“. München 1999.

(10) In der Buchausgabe S.77-78. Hier zitiert nach der Version, die in dem unter Anm. 6 zitierten Programmheft zum Lyrikpreis Meran (S.66-67) abgedruckt ist.




------------------------------------<left></left>* Johann Holzner, geb 1948, ist Professor für Neuere Deutsche Sprache und Literatur am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck. Mitherausgeber der Germanistischen Reihe der „Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft“.

 
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