Horst Samson: La Victoire.

Poem.

München: Buch&medi@ GmbH 2003

(Lyrikedition 2000). 86 S.

ISBN 3-935877-56-0.

€ 9,50.

Horst Samson (geb. 1954 im Weiler Salcimi in der rumänischen Bärägansteppe, wohin seine Eltern 1951 zwangsdeportiert worden waren) hat, über sechzehn Jahre hinweg, ein Langgedicht in Scherben geschrieben - laut eigener Aussage (vgl. die Anmerkungen in diesem Band) ein „Poem über Diktatur, exemplarisch thematisiert auf der Folie ru-mäniendeutscher Geschichte". Um beispiel-haft zu sein, stützt es sich ab auf jener Tra-ditionslinie moderner Mythisierung histori-scher Erfahrung - von T. S. Eliot über Guillaume Apollinaire -, in der eine unterschied-lich erstarrte Realität fast mystisch aus Raum und Zeit enthoben wird, um über-haupt einen „Sinn" zu ergeben. Dadurch vermindern sich konkrete Zuschreibungen zugunsten „ewiger Wahrheiten": Die Erfah-rung der Diktatur verdichtet sich zum Sym-bol. Horst Samson fängt den Weggang aus jenem Land ein „wo die Stille stillsteht und die Erde// sich nicht bewegt [...]", wobei sich auch das Ziel dieses Aufbruchs als all-gemeine Chiffre („Das schwarze Loch der Fremde") ausnimmt. Die literarische Mythi-sierung läuft dabei Gefahr, nirgendwo mehr einen Kontrast zu finden, sich in sich selbst zu verstricken und so schließlich hermetisch das Allgemeine zu erzählen. Dies sei vor-weggenommen als immer drohende Klippe solchen Schreibens - zunächst nicht als Ein-spruch gegen den dichterischen Wert des Werks, wohl aber gegen seine ursprüngli-che, vom Autor nachgereichte Intention, nämlich ein Poem auf der Folie rumänien-deutscher Geschichte zu sein. Obgleich sie auf dem Hintergrund einer verstörenden Umwelt eine für das geistige Leben existenzielle Bedeutung haben, erschweren zudem die Zitierungen jene originäre Erkenntnis-kraft, die ein Gedicht „über Diktatur" mit sich bringen könnte, zumal Rumänien als „wortreiche Landschaft" in einer ganz spe-zifischen Bildsprache bereits in deutschen Regalen - und leider hauptsächlich dort -Aufnahme gefunden hat.

Aber wie spricht Samson darüber? Die in den Zyklus eingebundenen Gedichte glei-chen, besonders in den ersten Teilen, Pro-tokollen eines entfremdeten Ich, dem eigene Gegend und Zeit „kaltgestellt" sind und das nur mehr „verschüttet im ungelobten Land" dahinvegetiert, gleichsam unter deren - ob der zunehmenden politischen Verhärtung in den achtziger Jahren - zugefrorener Kruste. „[...] Es rinnt die Zeit/ dem Körper weg, rinnt durch/ die Stirn." Unter der Verhärtung mutieren Leib und Seele zu einer einzigen Apparatur, die auf nichts mehr Einfluss zu nehmen vermag, weil die Ausflüge des Geistes in der reinen Imagination enden, die kaum ausgesprochen, geschweige denn re-alisiert werden darf: „Soldaten und Zäune aus Stacheldraht trennen uns/ von Landschaf-ten,// die im Kopf entstehen." Einzige uto-pische Fluchtpunkte in der Wirklichkeit bie-ten die Frauen, aufgeladen mit Verheißun-gen, die aber wiederum von der Gesellschaft moralisch sanktioniert werden („Das schin-det uns, so sagen die Männer über das/ Mäd-chen, von dem Mädchen// Krank."). Zwi-schen dieses vereiste Präsens, das ledig-lich Unterschlupf bei einer Geliebten mit Schnapsflasche gestattet, schalten sich je-doch zunehmend Erinnerungen, die in der still gestellten Gegenwart nicht anders denn als Zeichen, als erratische Blöcke, wahr-genommen werden können. Darin sind die Toten eine Realität wie die Lebenden, ma-chen ihnen den Platz streitig und verhindern so noch einmal jenen Aufbruch, der den Dahingestorbenen schon zu Lebzeiten ver-sagt blieb: „Unter Toten sind Lebende// Ein Ärgernis, erinnern/ Daran, wie die anderen waren// Bevor sie sich entschlossen,/ Tot zu sein." Samson beschreibt einen „Zwangs-aufenthalt in der Ewigkeit", von der die christliche Tradition einmal tausend Jahre als einen Tag ausgab und leider die Sym-metrie verschwieg: dass ein Tag sich lebt wie tausend Jahre.

Die offiziöse Doktrin des allgegenwärti-gen Präsidenten spricht währenddessen von gewaltigen Siegen, errungen über die Feinde des Volkes, kündet von der großen Geburt einer bedeutenden - rumänischen - Nation, derweil diejenigen, die aufgrund eigener Schuld, der Unfähigkeit zum Opportunis-mus oder zum echten Widerstand mitsamt ihrem Gedächtnis unter die Erdoberfläche gedrückt wurden, die Allgegenwart ihrer versteinerten Toten zu ertragen haben. Von der Unmöglichkeit eines Sieges über die Geschichte mit der Geschichte, auch davon erzählen die Verse, indem sie auf den Ab-lauf der unausgesetzten Brutalität unterwegs zur Befriedung der Menschen anspielen. Schließlich bleibt, vielleicht, kein anderer Ausweg als der des Auszugs, im letzten Ge-dicht wie ein Ausstieg aus der Unterwelt des vorklassischen Hades inszeniert. Aber es sind die darin Zurückgebliebenen, die den Abreisenden zurufen: „Ihr lebt", während diese nichts anderes registrieren als Hunde-gebell, das Pfeifen der Lok und die wie irr glitzernden Sterne. Zwischen verwahrloster Heimat und dem Auszug ins Offene verbin-det jene eingeübte „Kunst des Winkens", die vielleicht das angemessenste soziale Instru-ment in einer Zone unwirklicher Ferne und damit auch bloß schemenhafter Nähe war.

„Wir wissen nicht wie// Uns geschah, nur verführbar/ Sind wir immer. Aber wir haben nichts/ Begriffen." Im Eingangsgedicht fin-det sich solche Deutung, die den Epilog vor-wegnimmt. Darin klingt keine höhere Ein-sicht der Opfer durch, nicht die weise Rück-schau der nun andernorts Überlebenden. Wem in der Heimat die Klandestinität zur Gewohnheit wurde, bildet schließlich nichts anderes aus als die Kunst des Totstellens -gelernt angesichts derer, die gezwungener-maßen das Inventar des erstarrten Lebens ausmachten -, die noch je das ungeschorene Davonkommen sichern half. In der „Di-alektik der Aufklärung" erwies sich die List des Odysseus („Mein Name ist Niemand") als Lehrstück dafür, wie man sich den Gott-heiten gegenüber verleugnen muss, um da-vonzukommen, wie jeder Austritt aus dem Mythos einzig um den Preis der Selbstver-leugnung zu erkaufen ist. Die von und mit den Diktaturen geschaffenen Mythen sind um nichts billiger zu haben. „La Victoire", ein Titel zwischen Pathos und Ironie, denkt dies konsequent zu Ende. Ein wichtiges Poem!

Ulrich van Loyen

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Aus

Südostdeutsche Vierteljahresblätter -

Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas

52. Jg., München 2003, Heft 3, S. 313/314.

 
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