Aus „BERNER ZEITUNG“ von Samstag, 2. Mai 2003, Seite 7 - „Ausland“

Ros(t)ige Siege

 Von Andreas Saurer

Heldenhafte Revolution, glorreicher Sieg der Werktätigen. Die Sinnentleerung des Wortes war im Realsozialismus Programm. "Die Sprache war verweht". Mit seinem Poem

"La Victoire" gibt Horst Samson dem Sieg und sich selbst die Würde zurück.

Der Banater Schwabe wurde 1954 während der Deportation seiner Eltern in die Baragan-Steppe am Donauknie geboren, im Banat - am anderen Ende Rumäniens - ist er groß geworden, wurde Lehrer, dann Journalist und Lyriker in Timisoara (Temeswar). 1987 fand er keinen Ausweg mehr in Ceausescus immer luftleerer gewordenem Käfig. "Es rinnt die Zeit/Dem Körper weg". Nach Ausreiseantrag und Publikationsverbot emigrierte er samt Frau Edda, Sohn Elvis und seinen vier Lyrikbänden aus dem "niedergetrampelten Land" in die Bundesrepublik.

"Die Zeit kehrt zurück, klopft an/Die Schädel. Dort wohnt das Nichts". Seit 1980 hat Samson um sein Lebens-Poem gerungen. Jedem Hauch von Nostalgie hält er den Spiegel vor: Darin sieht man die Entwurzelung und Entmündigung des Einzelnen im Namen einer großen und fremden Idee. Man sieht Diktatur, Deportation, Exodus. "Dazugelernt hat hier nur das Vergessen". La Victoire ist eine poetisch-litaneiartige Chronik des Sich-selbst-Abhandenkommens mit biblischen Zügen, eine Rhapsodie des graduellen Identitäts-, Land- und Heimatverlustes, denn "Niemand geht an einem Tag/Vor die Hunde."

Der Gedichtzyklus entwickelt die Dynamik eines Flusses, der fort- und mitreißt - vom Authentisch-Atemlosen hin zum Gleichnishaften und zur Lebensessenz. So wird "La Victoire" zur Moritat, aus der neue Hoffnung keimt. Sie ist das Gegengift für den "Speichel der Eifrigen", für Geschwätz und Verschweigen, für Amnesie und schnelle Wahrheiten. Samson hat sich vom "Rost/Auf den Augenlidern " befreit und schenkt der Welt ein Poem, das ein bleischweres Jahrhundert in die Luft zeichnet.

Horst Samson: La Victoire. Poem, Lyrikedition 2000, Fr. 14.25.

Der Autor signiert seine Bücher heute ab 20.30 Uhr im Restaurant Carbonara in Bern.

 
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