Wanderjahre eines Poeten

Der neue Gedichtband von Horst Samson "Und wenn du willst, vergiss"

Der neue Gedichtband Horst Samsons trägt den Titel "Und wenn  du willst, vergiss". Samson jedoch vergaß nichts. Der Gedichtband versammelt Gedichte aus mehr als, drei Jahrzehnten. Der Buchtitel ist angelehnt an ein Zitat aus dem Gedicht "Song" (Sterbelied) der englischen Dichterin Christina Rossetti - ein fiktiver Dialog mit einem fiktiven lyrischen Du: Melancholisch, traurig, romantisch wie das vertonte Gedicht der Romantikerin Rossetti. Samson bedient sich dieses Dialogs, um sich dem undefinierten Gegenüber zu widmen. Ein "Du", das aber vielleicht auch das Land sein kann, das es nun so nicht mehr gibt, eine Geliebte oder einfach die Natur, die "vergänglichgrün" daherkommt. Es handelt sich vermutlich um seine Heimat, die er verlassen musste und die sich nach einer blutigen Revolution im Dezember 1989 verwandelte. Diese Heimat und begleitende Eindrücke und Ereignisse einer Auswanderung sind Thema dieses Bandes: "Den Tod verkauft, Die Götter sind verschenkt I Und in den Träumen bleibt das Land / Ein tiefes Loch." (S.89)  

Die Gedichte bewegen sich zwischen beschreibender Lyrik im ersten Teil, der dreißig Gedichte aus Samsons Gedichtband "Tiefflug" versammelt .Vorstellung vom Erfassen der Welt, Ostwärts, Nahaufnahme - mein Land, Wochenende auf dem Land), die als Grundstimmung die Sehnsucht nach einer Flucht und doch schon Rückblick auf das Bestehende, Vergangene thematisieren. Leise, unaufdringlich, erinnernd, unbeirrbar entlang der "Reibfläche" einer mehr unfreiwilligen  Ausreise aus dem Land der Geburt sind die Verse aus dem Lyrikband "Reibfläche", der 1982 in Bukarest erschien. 17 Gedichte sind diesem Band entnommen, der wie ein literarisches Credo im Gedicht .,Reibfläche" ("das gedicht ist keine weltabgewandte nische, in der sich ödipus mit seiner mutter traf ... ") daherkommt bis hin zu den staunenden Versen über die "welt im kapitalismus", in der der Dichter damals noch nicht angekommen war. Horst Samson ist 1987 ausgereist. Sein zentrales Thema, das Land "ein eisberg" in "eisfeld II" öder "die eisgraphik an der fensterscheibe" ("Still Leben in Öl") wird metaphorisch in das Stadium der Starre, Kälte erhoben - ein Zustand, der die innere Befindlichkeit des Dichters ausdrückt, aber auch die äußeren Gegebenheiten in einer Diktatur: die Unfreiheit der Gedanken, Träumen von einer anderen Welt, Sichhineindenken in das Denken, in die freie Welt des Westens. 

Der dritte Teil mit 33 Gedichten aus "Was noch blieb von Edom" (erschienen 1994 im Nosrnas-Verlag, Neuberg) Sind die späteren Verse eines Dichters, der nun nicht mehr sein "Ich" sucht, der aus der inneren Emigration und  der Selbstzensur heraus geflüchtet ist, der das metaphorisch erhöhte Edorn (das sogenannte Land der Edomiter aus der Bibel, das dem heutigen Südzipfel Syriens entsprechen würde), das verlassene, untergegangene Land seiner Väter, hinter sich lässt und in der neuen Welt auch zurück zu den Buchstaben findet. Hier denkt man ihn nicht mehr, sondern hier im Westen denkt er sich selbst in die "Philippsruher Elegie", an das "Meer", nach Theresienstadt "Terezin", nach "Schwedeneck" oder sinniert über "Dreimal nach Basho" (den japanischen Haiku-Dichter). Der Dichter ist angekommen in der "Zukunft" in "Exkurs über die Zukunft. Ein Streifzug". Die Aufarbeitung der .,knirschenden Zeit" seiner Vergangenheit steht ihm jedoch erst bevor. Erst seit dem Bekenntnis seines früheren Freundes Werner Söllner zu seiner Spitzeltätigkeit für die Securitate im kommunistischen Rumänien weiß Horst Samson, dass nichts endlich ist und auch für ihn diese Zukunft um Stehen gebracht wurde, indem die Notbremse gezogen wurde, wie er in seinen Versen schrieb: "Jeder kann, wenn er das will, seine Zukunft zum Stehen bringen,  indem er die Notbremse zieht. Jeder ist frei, aus freien Stücken es zu tun." Söllner hatte es getan. Samson staunt weiter über seine Vergangenheit, die akribisch in einer Akte des rumänischen Geheimdienstes auf hunderten von Seiten festgehalten ist. Ganz unpoetisch.

Die Brücken, die der Dichter in seinen Gedichten schlägt von Celan zu Stephan Hermlin, von Tolstoi zu Mallarme und Herbert Achternbusch oder von Orten wie Großsanktnikolaus, Temeswar, Marienburg, Theresienstadt zu Transsylvanien, Wien, Budapest, Philippsruhe, Berlin, Schwedeneck und andere, sind Ausdruck einer erfüllten und gleichzeitig unerfüllten Sehnsucht eines Menschen auf der Suche nach Heimat, Freiheit und  Selbstverwirklichung. Samson, der als Kind deportierter Eltern in der Baragan-Steppe geboren ist, hat diese Suche stets poetisiert. Als Mitglied des Banater Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreises gehört er zusammen mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller, mit Richard Wagner und Johann Lippet zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren der rumäniendeutschen Literatur, die mit der Auszeichnung für Herta Müller nun auch endgültig in der allgemeinen. deutschen Literatur angekommen ist und dementsprechend bewertet und eingeordnet wird. Im Nachwort des Bandes schreibt sein Freund und Verleger Andreas Saurer von diesen Gedichten als von "unerhörten Findlingen", doch sie sind eher oder gleichzeitig das Protokoll eines Lebens in zwei Welten, in der die innere Freiheit fast ratlos der äußeren Freiheit gegenübersteht. Einige der Gedichte sind seinem Vater, seiner Mutter, seiner Frau Edda und seinem Sohn Elvis gewidmet, den Eckpfeilern seiner Existenz - und sie gehören zu den schönsten des neuen Gedichtbandes.

Katharina Kilzer

 

Horst Samson: Und wenn du willst, vergiss. Pop-VerIag Mannheim  2010, 126 Seiten, ISBN  978-3-937139-92-0, Preis 14,90 Euro. Zu beziehen über den Buchhandel.

 

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aus "Banater Post", München, Nr. 5 (Seite 4), 5. März 2010

 

 

 

 
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