Aus der Schweizer Literaturzeitschrift „Orte“ 27. Jahrgang, Nr. 134, März/April 2004 - (Zelg/Zürich)

 

Das nackte Leben

 

Horst Samson sogenannter Rumänien-Deutscher, aus Ceausescus Diktaturstaat nach Deutschland emigriert, lebt in einer Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt und verdient sich sein Brot als Chefredaktor einer Lokalzeitung. Sein Name ist in der Lyrikszene weniger klingend als etwa die­jenigen seiner Landsleute Franz Hodjak, Herta Müller oder Richard Wagner, aber mit seinem neusten Gedichtband La Victoire. Poem wird er zweifellos in die Geschichte eingehen als einer, der zuhan­den der Nachgeborenen ein bedeutendes Zeitdokument abgeliefert hat, dazu ein ganz großes Stück Weltliteratur und — was nach diesen ersten zwei Attributen nicht selbstverständlich ist — einen Auf­sehen erregenden Beitrag zur zeitgenössi­schen Lyrik.

Der schmale Band vereinigt eine in sechs Abteilungen gegliederte Folge von Gedichten, die sich — alle ohne Titel — „durch Leitmotive, Bildsyntagmen, intertextuelle Bezüge und eingebaute Zitate — vor allem aus dem lyrischen Werk von Guillaume Apollinaire — zum Protokoll einer Entheimatung und Zerstörung ver­klammern“ (Peter Motzan, im Vorwort). Man liest die Gedichte, eins nach dem ändern, quasi als verschlüsselte Autobio­graphie, und für einmal dürfte sich die Unsitte, wie sie unter Lyrikkonsumenten grassiert, nämlich das Buch von hinten nach vorn mehr zu überfliegen als zu lesen, niemandem aufdrängen.

Die Texte sind bitter und zärtlich, iro­nisch distanziert und bekenntnishaft, resigniert und kämpferisch, dazu von einer sprachlichen Vitalität und Unverbraucht­heit, wie sie in neueren Gedichtbänden nur noch ganz selten anzutreffen ist. Hier wer­den den Lesenden Sprachbilder vorge­führt, die in ihrer stupenden Paradoxie irri­tieren und berauschen, aber auch schmer­zen, denn es ist, als würden einem ganze Bilderbücher regelrecht um die Ohren geschlagen. Die Sprache wird zur farbigen Gegenwelt von einem Land, wo alles grau ist — Das Rot ist grau, / Das Gelb ist grau, / Das Blau ist grau. II Die Farben sind müde - da wo jeder anderswo überwintert: In einer ver­schwiegenen Lüge, In einem verschwiegenen Satz, In einem verschwiegenen Zeugen, In einer ver­schwiegenen Frau, In einem verschwiegenen Tod. In einem Land, in dem die verzweifelte Frage auftaucht, wer denn zum erstenmal das Wort / Sieg gedacht hat und man täglich fest­stellen muss: Sie sagen etwas / Wir verstehen / was anderes, l La victoire avant tout sera ... In einem Regime, in dem alles Zu verlieren ist: Fünf Sinne, l mit denen wir jung schon gegen viele II Winde stehn und unsere Sprache, / In die wir eingeschlossen sind — Insekten, l Die durch Bernstein sehn ... Nimmt das Hoffen kein Ende / dir weg, und Deine Einsamkeit steht neben dir wie ein Schatten, /(...) Der Sommer ist ein anhaltender / Schüttelfrost, dein Herz eine Fundgrube / Für Mörder.

Der fröstelnde Gang durch diese dicht bebilderten Texte, auf dem man keine Rast und keine Ruhe findet, liest sich wie eine Art Fortsetzung von Wilhelm Müllers Winterreise, und würde Schubert heute leben, er würde sich bestimmt auf Samsons Poem stürzen, um das sprachmusika­lisch Brüchige und Klirrende in ihm kon­genial zu vertonen! Das Verrückte, Dre­hende des Müllerschen Leiermanns greift bei Samson über auf den ganzen Kosmos, alles wandert, wie wir es erleben, wenn uns schwindlig wird, so dass wir stehen bleiben müssen und stattdessen unsere Umgebung zu wandern beginnt: Die Kir­chen, sehen sie die Kirchen wandern ... II Häu­ser, alles wandert! Sehen sie / Es wandern? (...) / Die Singdrossel wandert, / Das Rotkehlchen, der Kuckuck und die Kontinente. / Es wandern die Bäume mit dem Wald. (...) Und sehen sie nur die Kirchen, wie / Die Kirchen wandern. Und wenn die Kirchen / gewandert werden, dann wandert alles ... Ist es bei Müller die Gelieb­te, die den Helden verrät und vor die Hunde gehen lässt, so ist es bei Samson ein Land, welches Verrat übt an seinen Bewohnern und die Integrität der freien Person untergräbt, und das geschieht nach Art der Folter in kleinen Etappen: Nie­mand geht an einem Tag / / Vor die Hunde. Mal ist es ein Arm, der verschwindet, / Mal ein Kein, das fehlt, / / mal ein Wort — . Und ist es in Müllers Winterreise immerhin das Wandern, das sich durch die Gedichtfolge zieht und dem Wanderer trotz seines Mar­sches in die Sackgasse einen Nimbus von Freiheit verleiht, so ist es bei Samson das Eingesperrtsein, das Verharren im Schre­cken, das den Texten ihre ungeheure Dynamik verleiht. Zum Schluss landet Samsons Poem aber trotzdem an einem Wendepunkt, das Müllers Leiermann eine Perspektive entgegenzusetzen hat, nämlich am Grenzbahnhof Curtici. Und nach Stunden des angstvollen Wartens, der unsäglichsten Schikanen, leuchten irr wie in Romanen / über dem Bahnsteig Sterne / Um ihr Leben. Ins Offene l Gelehnt sehen wir es glitzern, hören / Befehle, Hundegebell. Die Lok / Pfeift. Das Mädchen ist tot / La Victoire, flü­stere ich / in den Fahrwind, la Victoire! Und schiebe l Das Zugfenster zu ...

Der Band, an dem Samson in verschie­denen Etappen seines bewegten Lebens gearbeitet hat und der mit einem ausführ­lichen Erläuterungsanhang versehen ist, erschien in der Lyrikedition 2000, einer Reihe, die nie vergriffen ist (sog. „books on demand"), da bei jeder Bestellung die verlangte Anzahl neu gedruckt wird. Das Buch beweist aufs Eindringlichste, dass die politische Lyrik noch lange nicht tot ist, sondern im Gegenteil lebendiger als manche postmoderne hermetische Schrei­be. Und man wird den (wohltuenden) Verdacht nicht los, dass gute Lyrik halt letztlich doch etwas mit Fleisch und Blut, oder meinetwegen mit dem nackten Leben zu tun hat.

Erwin Messmer*

 

Horst Samson: La Victoire. Poem. Lyrikedi­tion 2000, herausgegeben von Heinz Lud­wig Arnold. Mit einem Anmerkungskata­log. München: Verlag der Buch & medi@Gmb, 2003. 82 Seiten.

 

 

* Erwin Messmer wurde 1950 in Staad SG am Bodensee geboren. Er studierte Philosophie und Deutsche Literatur an der Universität Freiburg i.Ue. Gleichzeitig erwarb er sich Lehr- und Konzertdiplome für Klavier und Orgel. Es folgten intensive Konzerttätigkeiten als Organist sowie Radio- und CD-Aufnahmen. Er ist Organist an der Reformierten Kirche Bümpliz und Lehrer am Konservatorium Freiburg. Daneben schrieb er stets Gedichte, Prosaarbeiten, Essays und Buchkritiken. Bei der Schweizer Literaturzeitschrift "orte" sitzt er in der Redaktion. Von Erwin Messmer sind zur Zeit 5 CDs mit Orgelmusik, 7 Gedichtbände und eine Gedicht-CD greifbar.
Erwin Messmer ist Mitglied des Berner Organistenverbands (BOV), der Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins (ISSV) und des Verbands Autoren der Schweiz (AdS).

 

 
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