Rezension

Horst Samson: Was noch blieb von Edom.
Gedichte.
Neuberg: Nosmas Verlag, 1994. 34 S.
- nummerierte und signierte Ausgabe, Auflage 300 Ex. -
ISBN 3930456-03-6. DM 10,-

Einem der Texte Horst Samsons in diesem Bändchen ist das Celan-Zitat nachgestellt: “Gedichte, das sind auch Geschenke - Geschenke an die Aufmerksamen. Schicksal mitführende Geschenke” (S. 5). Das Zitat könnte Motto der Sammlung von Gedichten sein, die der Lyriker hier vereint hat. Denn auch seine Gedicht-Gaben sind zweifellos Lesern zugedacht, die bereit sind, genau hinzuhören und sich einzulassen auf das, was die Gedichte an “Schicksal”, an Erlebnisfracht mit sich führen und als individuelle Existenzerfahrung den "Aufmerksamen" übermitteln wollen.

Samson kommt aus Rumänien, er ist Banater. Auch seine Biographie ist, wie die mancher seiner Generationskollegen, “von Anfang an versehen mit Merkwürdigkeiten” (Johann Lippet). 1978 erschien in Temeswar der erste Gedichtband des damals Vierundzwanzigjährigen - drei weitere sollten bis 1985 folgen. In der biographischen Notiz des Debütbandes hatte man, was ungewöhnlich war, die Nennung des Geburtsortes ausgespart. Der aus dem Banater Dorf Albrechtsflor stammende Samson war nämlich in Salcîmi auf die Welt gekommen, in einem Weiler des Baragan, der rumänischen Steppe, in die man seine Familie mit anderen Landsleuten in den frühen fünfziger Jahren deportiert hatte. Die Unrechtsmaßnahme war auch nach mehr als zwanzig Jahren in der öffent- lichen Diskussion noch nicht enttabuisiert. Daher der Eingriff der Zensur in Samsons Lebenslauf. In einem Baragan-Gedicht aus seinem letzten in Rumänien erschienenen Band “lebraum” schrieb er: “manchmal weißgott scheints mir so / als hätte ich ein dach über dem kopf / als besäße ich ein haus ein dorf fast / in dem man geboren werden darf / ... angefressene erinnerung” (“geschichte vom frühjahr in der steppe”, S. 56). Ein weiteres, in der vorliegenden Sammlung enthalten, trägt den Titel: “Nachbemerkung zu meiner Geburt”, S. 16.

Für den Autor war die zum Trauma gewordene Baragan-Deportation mit ihrer Nachwirkung eine frühe Konfrontation mit staatlichem Totalitarismus, der im Lande Ceausescus nach einer Zeit der Scheinliberalisierung zu neuen Formen der Gewaltherrschaft führte, die oppositionelle Regungen schon im Keim zu ersticken trachtete. Unter dem sich zunehmend nationalistisch gebärdenden kommunistischen Regime war es den ethnischen Minderheiten, so auch den Deutschen - das kommt hinzu -, besonders schwer gemacht, sich zu behaupten. Samson dazu in seinem 1981 veröffentlichten Gedichtband “tiefflug”: “ein soldat geht durch das abteil / er läßt sich personalausweise zeigen / er steigt aus / ich sehe ihm nach / bis er samt gewehr im wartesaal verschwindet / ein bekannter steigt auf / wir reden leise und deutsch” (“eisenbahnfahrt großsanktnikolaus - temeswar”). Da offenkundiges Opponieren in Rumänien praktisch unterbunden war, bildeten sich in Kreisen von nonkonformistischen bis regimegegnerischen Intellektuellen Spielarten eines Widerstandes heraus, der - deutsche Schriftsteller Rumäniens waren mitbeteiligt - insbesondere im literarisch-künstlerischen Bereich manifest wurde. Observierung durch den Sicherheitsdienst und Verhöre bei der Securitate waren die Folge. Neben anderen Kollegen sah sich auch Horst Samson diesem Druck ausgesetzt, der schließlich bei ihm wie bei anderen zur Aussiedlung bzw. zur als Aussiedlung getarnten Ausweisung führte. Die in den späten sechziger bis Ende der Achtziger Jahren in Rumänien entstandene literarische Produktion, insbesondere die gesellschaftlich-politische Implikation dieser Literatur, ist - nach der Wende - in ihrer Gesamtheit wie auch in ihren individuellen Äußerungen noch nicht erschöpfend untersucht worden. Die Beschäftigung mit ihr würde nicht nur zeigen, wie im Ästhetischen nachvollziehbar ist, was auf Gewalt gestutzte pervertierte Politik an- zurichten vermochte, sondern auch erkennen lassen, daß Literatur oft eine Hilfe war, extreme existentielle Bedrängnis zu überstehen.

Im gegebenen Fall des Lyrikers Samson sind eine ganze Reihe von Gedichten in diesem Sinn Zeugnisse dafür, wie einer versuchte, sich in der Engführung schreibend zur Wehr zu setzen, sich einen Freiraum zu schaffen, der das Atmen, das Überleben ermöglichte. Mehrere solcher Texte, die als lyrische Psycho- und Kryptogramme eines Lebens unter der Diktatur bezeichnet werden können, nahm der Autor auch in die vorliegende Auswahl auf, die neuere und noch in Rumänien entstandene Gedichte enthält. Zumeist unterkühlt, aber keineswegs gefühlsfern, ironisch, spielerisch im Umgang mit dem Sprachmaterial, das Zitat und die Pointe liebend, sind sie in ihrem Wesen von einer nüchternen Trauer getragen. Die Gedichte evozieren ein Land, in dem “Menschen / Verschwinden wie / Der Duft von billigstem // Eau de Co- logne” (“Rumania by night”, S. 4). Der Begriff des “Schwindens” ist ein Topos, der, ähnlich wie die Metaphern “Tod”, “Schnee” oder “Blut”, in den Sprachbildern der Texte obsessiv wiederkehrt. Schon im Eröffnungsgedicht trifft man ihn an: “Das Land / Geht dahin. Die letzten // Träume / Sind müde Herren. / Bestellte // Hunde bellen / Unsere Zeit zu / Ende” (“Im Winter der Macht”, S. 3). Wie tödliche Verzweiflung noch den Lebenswillen befruchten kann, anders gesagt, “was uns zerstört / läßt uns / Leben” (S. 10), hat Samson in dem feinnervigen Text “Und wenn du willst vergiß” eingebracht; Zynismus, von Bedrohung erzeugt, geht darin auf in beschützende Zärtlichkeit: “...// Vielleicht hätt man uns / Besser aufgehängt, / Aber es gibt uns noch. / Laß meinen Mund auf // Deinem Munde sein, / Uns umeinander ranken wie / vergänglichgrüne Pflanzen. // Ich hör dein Herz bis in die Wurzeln / Schrein, ich halt dich fest / Im Arm, wir tanzen” (S. 6). In der Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt kommt dem Gedicht “Edoms Nacht” ein besonderer Stellenwert zu. Überreale Bilder in raffiniert gebrochenen Verszeilen suggerieren einen Alptraum, machen deutlich, wie sich Terror entfaltet und was er im Menschen zurückläßt: “Die Spitze des Zirkels / Im Tod. Du ahnst den Kreis, / Die Geologie des Verrats / Bis in die Nerven // Zellen. Im Lichtkegel flattert / Das Herz. Schweigen tropft aus / Dem Lande, / Und Blut. Was noch // Brennt in der Nacht / Ist flackernder Mohn, / Was noch blieb von Edom // Sind Silben im Hirn / Und Folterblumen, / Die wuchern ohne Lärm” (S. 7). Der Text “UrSprünge” (S. 33) - “Wir erinnern uns / Wir erinnern uns nicht // Nur das Gedächtnis der Träume / ist tödlich genau” - könnte als Kommentar zu diesem, aber auch zu anderen Gedichten der Sammlung gelesen werden, die die eigene existentielle Gefährdung mit dem TerrorErlebnis anderer Menschen in Beziehung setzen und den Leser sensibilisieren für das von der Gewalt ausgehende Unheil, sei es im Krieg (“Pünktlicher Lebenslauf”, S. 22) oder an Orten des Todes wie Theresienstadt (“Terezin I”, S. 14).

Samson denkt in seinen Gedichten immer wieder darüber nach, wie das Politische die Privatheit mitbestimmt. Das war auch der Fall, als es für ihn wie für andere - zum “Zusammenfalten der Zimmerwände” (S. 16) kam, d. h. der Entschluß gefaßt wurde, das Rumänien des Conducator zu verlassen, diese Insel der Gewalt im Südosten aufzugeben und den Weg nach Deutschland einzuschlagen: “Robinson Crusoe raus oder Schuhe / Rein? Wir packen // Den Koffer und / Die Reisetasche. Was nehmen // Wir nicht mit, was lassen / Wir da?” (datiert: Temeswar, 1987). Der Lyriker thematisiert die keineswegs schmerzlos einsetzende Entfremdung, das Entschwinden der gewohnten Umgebung in die Erinnerung und das Fremdsein in der neuen Umgebung, die fast wie eine andere Engführung zu sein scheint: “Ich zwänge mich durch / Fremde Landschaft” (“Wanderjahre”, S. 17). Die Zwiespältigkeit der Erfahrung mit Heimat bringt er iro- nisch gebrochen auf die mehrdeutige Formel: “... Aber keiner, denk ich, / Braucht Heimat, // Der genug davon hat" (ebenda). Satirisch geht er das Thema in einer “Notiz” “Lieb Vaterland" (S. 18-19) an, in der er seine “Sprachigkeit” wortspielerische Kapriolen machen läßt, durch die Befunde und Befindlichkeiten einer Deutung zugeführt werden sollen: “... Du magst mich, du - ich weiß es - Magst mich nicht, du magst mich / Raus. Ich aber mage dich, oh Vaterlunte, Vaterunser / Land, wie du mir schwer im Magen liegst auf meiner Lieb.”

Samson, der, Depressionen ausmessend, für die Träume befürchtet: “Kein Ort steht ihnen zu” (S. 26), findet aber auch Worte, um Glücksempfindungen aufzuschreiben, seien sie nun aus phantasieumsponnener Nähe entstanden - “Aber ich hatte zu lieben. / An der warmen Brust lag mir // Eine Sirene. Herrlich roch sie / Nach Fisch und nach Algen” (“Schwedeneck”, S. 28) oder aus der Flüch- tigkeit einer Begegnung: “Sie war als wäre sie / Ein Traum, schien wie der Rauch // Einer Gauloises / Zu sein, stieg aus / Dem Zug und ich stieg ein. / Dann war sie weg. Ich liebte sie // In Gedanken kurz / Und klein” (“Fata”, S. 30).

Die dreißig Gedichte, die Horst Samson, der Vierzigjährige, für den von ihm vorgelegten schlanken Band aus- gewählt hat, wollen kein Querschnitt durch seine bisherige literarische Tätigkeit sein. Sie sind trotzdem repräsentativ, gerade durch die strenge Selektion. Einerseits haben sie einen für den Autor charakteristischen, betont biographischen Bezug, was auch aus bezeichnenden Widmungen an Personen aus dem Familienkreis ersichtlich ist, und dokumentieren anhand der persönlichen Lebensgeschichte ihm, aber nicht nur ihm widerfahrene Zeitgeschichte, Zeitgeschichte, die nicht zuletzt als inneres Erlebnis in seine Gedichte eingegangen ist. Andererseits bringen die mit reizbarer poetischer Sensibilität, mit Sprachphantasie und mit Sprachwitz gestalteten Texte, darunter solche von anthologischem Wert, Samsons Individua- lität als Lyriker überzeugend zur Geltung.

Eduard Schneider


(aus ,,Südostdeutsche Vierteljahresblätter”, München, Nr. 3/1995, 44. Jahrgang, S. 268 ff)

 
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