Aus Südostdt. Vierteljahresblätter Nr. 4/97


Dr. Peter Motzan

Über das Poem “La Victoire”

Horst Samson, Jahrgang 1954, wurde im Weiler Salcimi/Rumänien geboren, war als Lehrer in Busiasch (1974-1977), als Redakteur der “Neuen Banater Zeitung”, Temeswar (1977-1984), und der Zeitschrift “Neue Literatur”, Bukarest (1984-1987), tätig. 1987 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland aus und lebt z. Z. als Redakteur in Neuberg b. Frankfurt am Main. In Rumänien veröffentlichte er vier und in Deutschland - als Privatdrucke - zwei Gedichtbände. Lyrische Texte von Horst Samson erschienen in den letzten Jahren auch in mehreren Anthologien sowie in Literaturzeitschriften.

Die hier abgedruckten Gedichte entstammen einem unveröffentlichten Typoskript, das sich auf der Suche nach einem Verlag befindet: dem “Poem” La Victoire, an dem der Autor - mit Unterbrechungen - über ein Jahrzehnt lang gearbeitet und es mehrfach überarbeitet hat. Es setzt sich aus sechs Teilen (insgesamt 59 Gedichte) zusammen, die Erstfassung der ersten fünf Zyklen entstand in Rumänien, der Epilog in Deutschland.

Das Poem von Horst Samson ist gleichermaßen ein beklemmendes Psychogramm einer Identitätsberaubung und ein poetisch verfremdetes Soziogramm eines geknebelten Landes. Es ist sein durchaus beachtlicher Beitrag in der Runde jener rumäniendeutschen Autoren, die ihre Lebenszeit im finsteren und kalten Rumänien der Achtziger Jahre auf eindrucksvolle Weise und in vielfältigen Ausdrucksformen beschrieben haben. Zö- gernd nur reifte bei fast allen der Gedanke des erzwungenen Abschieds, der letztlich als der noch einzig mögliche Schritt empfunden wurde. Das Training des aufrechten Gangs und das Gefühl des Gebrauchtwerdens erwiesen sich als schiere Illusion.

Die durch Leitmotive, Bildsyntagmen, intertextuelle Bezüge und eingebaute Zitate - vor allem aus dem lyrischen Werk von Guillaume Apollinaire - verklammerten Gedichte dieses Poems lassen dessen Titel in schillernder Bedeutung aufflackern und fügen sich zum Protokoll einer Entheimatung und Zerstörung zusammen. La Victoire das Losungswort der Mächtigen marschiert “wie ein Soldat / Aus Eisen, Blut und Rost”, es gehorcht der Gewalt, feiert Willkür und Terror, erhebt die Lüge zum Ordnungsprinzip. Unter seiner Flagge gedeihen die Größenwahn- und Vernichtungsphantasien der natio- nalkommunistischen Diktatur. Doch entströmt der fran- zösischen Vokabel auch ein schwindender Hoffnungshauch der Niedergetrampelten, deren Erlebnisse und Erfahrungen sich zu einer Summe unaufhörlicher Verluste und Niederlagen addieren.

Eine Metaphorik der Entseelung und Entmündigung ruft in vielerlei Gestalten den allgegenwärtigen Tod herauf. Aus den Dörfern vertreibt er die Menschen, verwandelt Häuser in Ruinen, die Morgendämmerung in eine Kugel und den Mond zu seinem Komplizen. Als Wolfshund, Wachturm und Gewehrlauf umstellt er die Grenzen, aus dem Fernseher schlägt er zu, als Genosse Oberst sorgt er für Friedhofsruhe. Was bleibt ist das Überwintern mit einem verschwiegenen Zeugen, in einer Geliebten, bei einer Schnapsflasche, im Gedicht als “Gegengift für die Wunden”. Und schließlich - nach quälender Wartezeit - der Sprung aus dem Land in den Zug am Grenzbahnhof Curtici. Der Davongekommene Horst Samson, er notiert in einem Epilog-Text: “Wohin! Dieser Erdteil wird mitfahren, / Die Pflaumenbäume, die Geliebte / Und ein Messer...”

(Über Horst Samson vgl. auch Südostdeutsche Viertel- jahresblätter, 44. Jg./1995, S. 268ff. )

 
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