Horst Samson

Dichter und Wahrheit – ein arabisches Märchen vom Balkan

 



"Motto: Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Dorscht!"

Es ist im ganzen Orient bekannt, dass der Kalif der Begastadt, Eugen Florescu, ehemals stellvertretender Leiter der Propagandaabteilung des ZK der RKP und danach ehrgeiziger Propagandasekretär des von Cornel Pacoste geleiteten Temeswarer Kreisparteikomitees, die Gewohnheit hatte, in Begleitung seines Günstlings, des intriganten Wessirs und Geheimdienstlers Padurariu, verkleidet durch die Straßen und Vorstädte zu spazieren. Er sah dies als ein Mittel an, die Menge von Missbräuchen kennen zu lernen, die der Aufmerksamkeit seiner Untergebenen und der Securitate entgingen, oder vielleicht absichtlich von ihnen übersehen wurden. Mit harter Hand wollte der Kalif den Banater Kulturschaffenden den Zaum umlegen, sie fester einbinden in das Machwerk aus Verneigungen, Ovationen und Glückwunschtelegrammen, waren seine beiden Vorgänger Ion Iliescu und Nicolae Potinga doch viel zu lasch im Amte und hatten die Zügel sträflich schleifen lassen auf dem Boden der Fakten.

Auf einer dieser nächtlichen Spaziergänge – als nicht nur die Großwetterlage, sondern auch die Zeiten und die Versorgung der Bevölkerung schlechter und schlechter geworden waren - sah er im Mondschein der Parteidokumente drei Männer in einem Biergarten sitzen, die ihrer Haartracht und ihrer Kleidung nach Schriftsteller waren, dem Worte nach rumäniendeutsche Dichter, denn sie benutzten die Sprache des revolutionär philosophierenden Faust. Sie schienen im tiefen Gespräch zu sein. Der Kalif schlich sich an sie heran, ohne bemerkt zu werden, und hörte, dass jeder die Partei des Kalifen und ihren Führer auf das bitterste verwünschte und sie für das größte Unglück im Lande und auf Erden hielt.

Kann es wohl, sagte der erste, noch irgend einem Dichter so übel ergehen wie mir, der ich von früh bis in die Nacht Opfer des Kummers und der Sorgen bin. Ich habe Bekannte, deren Dichten und Trachten und Interpretieren einzig und allein darauf hinzielt, mich in allem, was ich auch tue, zu stören, meinen Ruf zu verunglimpfen und meiner Freiheit Hindernisse in den Weg zu legen, schwer wie Mühlensteine. Verräter sind es, die Allah nur darum mit außerordentlicher Geistes- und Neideskraft ausgerüstet zu haben scheint, damit im Klartext sie böswillig und zerstörerisch allen meinen Werken und Plänen entgegen arbeiten und mir jede Freude an den Produkten meiner Vernunft vergällen.

Ach! sagte der zweite, deine Lage ist traurig; aber glaube mir, gegen die meinige ist sie doch noch golden. Du kannst wenigstens schreiben und veröffentlichen, man lobt deine Gedichte, schreibt über deine Begabungen. Ich hingegen habe keinen Augenblick Ruhe, immer folgen mir Securitatebüttel auf den Fuß, hören mich ab, Bekannte und Freunde, durchstöbern unsere Wohnung, verunglimpfen mich als Vaterlandsverräter, Staatsfeind und westdeutschen Spion, als Werkzeug fremder Mächte, des Klassenfeindes, martern mich mit ihrer Gegenwart, fühlen sich unaufhörlich verwundet, verletzt durch meine giftige Zunge, durch den Ort meiner Geburt im Baragan, klagen, dass ich ihren Magen reize und sie als Ali Baba noch ins Grabe bringe, wenn nicht bald die gezielt gestreuten Gerüchte greifen unter den Freunden, dass ich einer der ihren wäre, der geheimste aller Geheimdienstler, der mit Verfluchungen des Kalifen und des Scheichs nur provozieren und alle ohne Skrupel ins Gefängnis bringen will.

Als der Mann schwieg, fing der dritte Dichter zu reden an: Ich habe euch beiden geduldig zugehört, aber ach, was ist euer Kummer gegen den meinigen! Ich bin doppelt so unglücklich, als ihr. Ich bin jung und noch unerfahren, habe einen ausschweifende Fantasie und wollte von euch manches lernen, mein Schreiben noch bedeutend zu verbessern, mein Denken zu schleifen scharf wie die Sichel des Mondes über der Bega, aber ich soll es lassen, notfalls durch Zwang, auch den aufrechten Gang will man mir nehmen, die Zukunft schwärzen mit heißen Kohlen, wenn ich eure Haut nicht sogleich zu Markte trage und alles von euch berichte, was ich weiß, was andere wissen, alles über alle eure Laster und Lüste, Gedanken und Gespräche, Gerüchte und Gedichte und darüber, wie ihr verstößt gegen die Gesetze der Unterwerfung, der Partei und des Führers. Doch aller Bedrohung zum Trotze habe ich nicht eingewilligt, der letzte Abschaum menschlicher Natur zu werden und selbst die Ohrfeige, die der erste Mensch, Adamescu, vom Grade eines Majors, mir dreist verabreichte, konnte meinen Willen nicht verkehren. Jede Stunde erwarte ich jetzt, dass sie mich wieder bedrängen, ängstigen, vielleicht sogar foltern, mir androhen, die Rache Mohammeds, dass der über mich kommt wie ein verruchter Geist mich zu bestrafen.

Ein tiefer Seufzer beendete diese Rede. Das kann so nicht weiter gehen, meinten alle übereinstimmend, das lassen wir uns nicht weiter bieten, still und mit gebücktem Haupte wie unsere Väter dahinzukriechen. Dagegen protestieren wir mit Brief und Siegel an den Kalifen und seine Handlanger, den salzen und pfeffern wir mit allem, was uns auf der Schulter, der Seele und im Kopfe drückt. Und fordern Gerechtigkeit vor Allah. Wir sind jung, wir wollen die engen Grenzen überschreiten und raus als Dichter aus der Provinz und dem Geschleime hinaus in die weite Welt, ins Offene, zu Hölderlin, meinetwegen nach Nürtingen, oder zu Rolf Dieter Brinkmann nach Vechta, zu Jürgen Theobaldy nach Heidelberg oder Bern, wo neue Erfahrungen und Abenteuer auf uns warten.

Nachdem die bekümmerten Autoren sich solcherart in Schwung geredet und noch einiges andere besprochen, nahmen sie Abschied voneinander und jeder ging seines Weges heimwärts in die Nacht. Am nächsten Abend wollten sie den Brief zusammen mit Freunden und einer Freundin unterschreiben

Brief an den Ersten Sekretär des Kreisparteikomitees Temesch. Nachfolgend die Übersetzung des in rumänischer Sprache verfaßten Briefes.

An Genossen Ersten Sekretär Cornel Pacoste
Wir, junge deutschsprachige Schriftsteller aus Temeswar, wollen Sie über folgendes in Kenntnis setzen. Am 19., 20., 21. und 24. Juli und am 20. August diesen Jahres wurde unser junger Kollege Helmuth Frauendorfer, Absolvent der Philologischen Fakultät aus Temeswar (1984), der ein beachtliches literarisches Debüt sowie eine vielseitige künstlerische und publizistische Tätigkeit aufzuweisen hat ( er leitete die deutsche Theatergruppe des Studentenkulturhauses, war verantwortlicher Redakteur der deutschen Seite der Zeitschrift „Forum studen?esc“ , eine Seite, die zu unserer Verwunderung nicht mehr erscheint), vom Sicherheitsdienst verhört, und zwar von Oberstleutnant P?durariu Nicolae und Major Adamescu Ioan. Während der Verhöre wurde unser Kollege beschimpft und von Major Adamescu sogar einmal geschlagen. Er wurde aufgefordert, Erklärungen zu unterschreiben, die besagten, daß er staatsfeindliche Gedichte schreibe (wir gebrauchen die Formulierung des Sicherheitsdienstes) und sich staatsfeindlich betätige. Er wurde außerdem dazu aufgefordert, Erklärungen zu unterschreiben, die besagten, daß wir, die wir uns durch diesen Brief mit unserem Kollegen solidarisch erklären, ihn in diesen „staatsfeindlichen“ Tätigkeiten beeinflußten und bestärkten, auch durch den Literaturkreis „Adam Müller- Guttenbrunn“ der Schriftstellervereinigung aus Temeswar. Der Literaturkreis wurde von Oberstleutnant P?durariu als „Räubernest“ bezeichnet. Dieses „Räubernest“ wird vom Schriftsteller Nikolaus Berwanger, Sekretär des Schriftstellerverbandes, geleitet. Einige der Unterzeichner dieses Briefes sind Mitglieder dieses Literaturkreises. Wir haben uns entschlossen, diesen Brief zu verfassen, da der Zwischenfall mit unserem Kollegen, der übrigens einen schriftlichen Verweis erhielt, nicht der erste dieser Art ist. Seit Jahren schon werden wir von den Vertretern des Innenministeriums aus Temeswar verfolgt. Was wir schreiben, wird als tendenziös umgedeutet, um zu beweisen, daß unsere Tätigkeit subversiv ist, Reisen ins Ausland werden uns verweigert, es fanden Hausdurchsuchungen und Festnahmen statt, einigen Kollegen wird die Aufnahme in den Schriftstellerverband verweigert, obwohl sie die notwendigen Bedingungen dafür erfüllen, jüngere Kollegen, die am Anfang ihrer literarischen Laufbahn stehen, werden eingeschüchtert oder durch Erpressungen gezwungen, mit dem Staatssicherheitsdienst zusammen zu arbeiten u.a.m. Es ist offensichtlich, daß dieser Tatbestand nicht mehr länger andauern darf. Wir sehen darin eine offenkundige Verletzung der Rechte der Minderheiten in unserem Land, letztendlich eine Mißachtung der Beschlüsse des IX. Parteitages, der bekanntlich für unsere Gesellschaft eine neue, ausdrücklich demokratische, Grundlage geschaffen hat. Der vorhin beschriebene Tatbestand stellt für uns nichts anderes als eine systematische Boykottierung unserer Tätigkeit als deutschsprachige Schriftsteller dar. Diese Schikanen sind nichts anderes als der Versuch, uns zum Schweigen zu bringen und zum Verlassen des Landes zu nötigen.
Wir haben uns an Sie gewandt, weil wir meinen, daß die führende Kraft in unserem Land die Kommunistische Partei Rumäniens ist. Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß der Staatssicherheitsdienst eine der Partei untergeordnete Behörde ist, nicht umgekehrt. Wir sind der Meinung, daß die Einschätzung einer literarischen Arbeit nach literarisch-ästhetischen Kriterien zu erfolgen hat, eine kompetente Literaturkritik ein Werturteil fällen sollte, dieses nicht den Kriterien eines Sicherheitsoffiziers überlassen werden darf. Wir wünschen, unsere Lage im Rahmen einer Audienz mit Ihnen zu besprechen und hoffen, daß sie auf Kreisebene zu lösen ist. Sollte das nicht möglich sein, sehen wir uns gezwungen, uns an die höchste Parteiführung zu wenden.


Temeswar, September 1984

Den Brief unterzeichneten Helmuth Frauendorfer, Herta Müller, Wagner Richard, William Totok, Johann Lippet, Horst Samson, Balthasar Waitz. Die Unterzeichner führten, handschriftlich, ihre vollen Namen an, daneben ihre Unterschrift. Das Schreiben enthält einen Anhang, in dem die Unterzeichner, in Handschrift, Auskunft über ihren Beruf und Arbeitsplatz geben, ihre Anschrift anführen, ihre Veröffentlichungen auflisten und die ihnen verliehenen Literaturpreise.


(Ein Schreiben gleichlautenden Inhalts richteten wir an die Leitung des Rumänischen Schriftstellerverbandes.)


Lange nachdem die Dichter verschwunden stand der Kalif noch verärgert über das Gehörte hinterm Baum. Padurariu, sagte er schließlich zu seinem Wessir, suche zusammen mit deinen Mitarbeitern, notfalls mit hellhörigen Wanzen, findigen Zuträgern und allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln herauszufinden, wer diese Männer sind und von welcher Frau da noch die Rede ist, und lass sie am Freitag, den 12. Oktober im Jahre 1984 des Allah, allesamt im Kreisparteikomitee erscheinen, meinen Befehl zu vernehmen und den des stellvertretenden Chefs des Temeswarer Geheimdienstes, Oberstleutnant Cristescu.

Padurariu tat, wie sein Chef ihm geboten. Die Unbekannten waren schnell erkannt, standen sie doch alle längst auf der Liste der verbrecherischen Staatsfeinde, alles junge Schreiber und Faschisten, Nationalisten, die den Frieden trüben, das Schweigen verderben und die Dunkelheiten vertreiben wollten aus dieser Stadt, in der in frühen Jahrhunderten schon hell die Straßenlaternen brannten und Licht warfen in der Ebene, auf Straßen und Plätzen, wo die Elektrische verkehrte und die Menschen schon im Morgengrauen wach bimmelte in ihren kaiserlich bequemen Betten. Einmal erkannt wurden diese Andersdenken, dieser „Abschaum der Gesellschaft“, diese unzuverlässigen Elemente auf der Stelle einbestellt zum Kalifen. Früh morgens, pünktlich um acht Uhr hatten sie zu erscheinen und sie erschienen auch, auf die Minute genau alle sechs Männer, nur die Frau, berühmt geworden über Nacht mit ihrem Erstlingswerk, bereiste zu jener Zeit die Fremde im fernen Abendland. Nicht sofort wurden die Unzufriedenen ins Serail des Kalifen eingelassen, warten mussten sie die „Hetzer“ und Miesmacher mit ihren bizarren Anschauungen, um ihre Nichtigkeit voll zu begreifen, zu reflektieren ihren zerstörerischen Pessimismus im Vorraum der Macht und vielleicht gar um zu fürchten, die Bastonade zu bekommen, oder den Kopf zu verlieren, als Gefangene in die Kellerverliese geworfen zu werden, in den blendenden Kegel der Befragungslampen, die einem die Iris aus den Augen und irgendwann auch den Verstand aus dem Hirne brennen.

Bis der Diwan in seiner Herrlichkeit und Lust versammelt war, bestehend aus dem Kalifen Florescu, dem Emir, Oberstleutnant Cristescu (Spitzname Christus), seines Zeichens Imam und Vizechef der geheimen Wissenschaften am Temeswarer Hofe des Genossen Präsidenten und Generalsekretärs Nicolae Ceausecu und seiner scheinheiligen Gemahlin Elena, ferner dem Höfling und Propagandafunktionär Ion Iancu und dem Vorsitzenden der Temeswarer Schriftstellervereinigung, dem bescheiden das Schweigen bewohnenden Dichter Anghel Dumbraveanu, mussten die jungen Männer der Dinge, der Beschimpfungen und der Bedrohungen harren, die da kommen sollten, kommen würden und dann plötzlich auch überlebensgroß im Raume für die geplante Niedermetzelung standen - steil wie das Gebet in der Moschee und der Ruf des Muezzin vom Mineratte..

Als die Schriftsteller vor dem Diwan auf Stühlen aufgereiht waren und vor allen in voller Größe und Montur Kalif Florescu thronte, öffnete er seinen eisernen Giftschrank, zog Manuskripte daraus hervor, alles tendenziöse Machwerke, poetische Verfehlungen der Männer, die zu Gerichte saßen vor ihm und zog sie ihnen über den Schädel. Vers um Vers, Strophe um Strophe, Gedicht um Gedicht wie Knüppel, bis dass sie in seinen Augen vermeintlich kleiner waren als die Ratten, wie man Feinde der Partei anno dunnemals zu beschimpfen pflegte, noch winziger sogar, nur noch Insekten, die es galt in den Boden zu stampfen mit wuchtiger rhetorischer Gebärde. Text um Text öffnete er mit strengem Blick - als wäre es jeweils eine Büchse der Pandora. Sich mit diesem Ungeziefer in Jeans, mit langen Haaren, Schnurrbärten und Bärten befassen und mit diesen undankbaren Skribenten, die in fremder Sprache dachten und dichteten, an einem Tisch sitzen zu müssen, das verstimmte ihn zutiefst. Mit großer Geste griff er nach dem Beschwerdeschreiben, in dem die sieben Gerechten die Partei, ihren weisen Generalsekretär und Präsidenten und deren Nationalitätenpolitik förmlich demontierten, dazu auch noch die Geheimdienstler als Lügilanten und Prügelanten verunglimpften, das ging ihm weit, viel zu weit, verdarb ihm nicht nur die Stimmung, sondern auch den Spaß an der Freundlichkeit. Also donnerte er los, zermalmte die Kritik als aus der Luft gegriffene Einbildungen und bizarre Unterstellungen, als bösartige Denaturierungen. Dabei wurde er sekundiert von Oberstkeutnant Cristescu, der mit hochrotem Kopfe sich ärgerte, weil mit dem Papier der Geheimdienst verleumdet würde, schließlich werde seit 1965 nicht mehr geprügelt – weder bei der Miliz, noch bei der Securitate.

Nachdem die von Allah bestellten Statthalter über die sechs jungen Männer solcherart hergefallen und noch eine kurze Weile lang gewettert hatten, schienen sie am Ende der Geschichte und ihres Zorns angekommen doch sehr zufrieden mit sich selbst und milderten leicht ihre strengen Falten und Stimmen, dazu bereit, die Schurken ohne 25 Stockstreiche vorerst ungeschoren zu entlassen, sie nicht zu steinigen, wie die Scharia es nahe legte und wie es dem Herrn ganz oben gewiss nicht missfallen hätte.

Groß aber war das Staunen und größer noch die Verwunderung, als einer der Niemandlinge sich erhob und es wagte, zu reden, statt – wie vom hohem Diwan imaginiert – mit gesenktem Blick und dem Haupt unterm Arm leisen Fußes von dannen zu schleichen.

Gern hätte der Niemandling geschwiegen, da aber der Kalif und sein Emir sich nicht bekannt hatten und mit gebieterischer Stimme alles leugneten und versuchten, Schweigen zu verordnen, fürchtete der junge Dichter, alles könnte umsonst gewesen sein, die ganze Arbeit mit der Liste, die er nachts zuvor mühsam noch bis in die frühen Morgenstunden am Schreibtisch sitzend aufgestellt und die Argumente geordnet hatte wie der Feldherr seine Regimenter für die Attacke. Da stand er nun und konnte nicht anders als loszulegen, durchbrach laut und mannhaft die Stille mit seiner Aufzählung aller Plagen und blätterte die Geschichte seines Kummers auf, denn leben und schreiben wollte er in diesem, seinem Lande, nicht anderswo den entheimateten Kopf ewig durch fremde Gegenden tragen. Und so begann er als würde er die Gebote des Propheten vortragen, ließ sich auch nicht unterbrechen, sondern zählte auf, was sein Herz drückte wie Sandsäcke und was Schande brachte über alle miteinander. Todsicher war er, dass er für seine ehrlich vorzutragenden Wahrheiten weder Wohlgefallen noch eine einzige Zechine als Anerkennung ernten würde, eher eine Bastonade vielleicht mit Zwangsverschickung hinter schwäbische Gardinen in der Popa-Sapca-Straße. Dennoch ließ er wild entschlossen alle Klagen aus den Zellen seines Hirns, unerbittlich und wie in Trance, bei dem Gedanken: Es gibt jetzt nur einen einzigen Gott und ich, Mohammed, bin sein Prophet. Hört also meine Gründe und lernt kennen die Gerechtigkeit eures Systems:


ZETTELS TRAUM

(Die Liste für den 12. Oktober 1984, 8 Uhr)

Das Buch „Die unendliche Liste“ (Hanser Verlag) von dem italienischen Romancier und Semiotiker Umberto Eco handelt von dem Wesen der Liste. Es dreht sich um Dichter, die in ihren Werken Sachen aufzählen, um Malern, die in ihren Bildern Dinge sammeln und er feiert die Liste geradezu als Element des Ursprungs der Kultur und würdigt die Leidenschaft des Sammelns und Aufzählens.

Dazu äußerte sich Eco vor einiger Zeit auch in einem Spiegel-Interview (Nr. 45/2009): „Zuerst denkt man das: Eine Liste sei primitiv, sie sei typisch für sehr frühe Kulturen, die noch keine genaue Vorstellung vom Universum hatten und sich daher darauf beschränken, die Eigenschaften, die sie benennen können, aufzuzählen. Doch die Liste setzt sich durch, immer wieder in der Kulturgeschichte. Sie ist also keineswegs nur Ausdruck primitiver Kulturen. Im Mittelalter gab es ein sehr klares Bild vom Universum, und es gab die Liste. In der Renaissance und im Barock setzte sich das neue, astronomische Weltbild durch. Und es gab die Liste. Und in der Postmodeme gibt es die Liste erst recht. Sie übt einen unwiderstehlichen Zauber aus“.

Kein Wunder also, dass die Liste auch im Sozialismus auftaucht und sich in dieser Gesellschaftsordnung ebenfalls bewährt, sich zeitweise sogar durch Minderheitler der Minderheitler – sprich Dichter - als Ärgerwerkzeug oder Folterinstrument gebrauchen lässt.
Und hier die Liste unserer Anliegen:

KOMPLEX SICHERHEITSPOLIZEI

- Hausdurchsuchungen; Verhaftungen, Verhöre, Bücherbeschlagnahmungen – das alles muss aufhören;
- man sammelt ständig Aussagen gegen uns, um einen nichtexistierenden Komplott nachzuweisen;
- wir werden durch Securitateleute beschimpft: „jicodii“ (Köter), „birlog“ (AMG - Höhle);
- uns wird vorgeworfen, wir würden junge Autoren zu Staatsfeinden erziehen
- man wirft uns vor, nur die Staatsfeinde kriegen AMG-Literaturpreise
zugesprochen, da aber alle 100 Mitglieder abstimmen – sind wohl auch alle AMG-Mitglieder Staatsfeinde;
- es wird versucht, junge Kollegen einzuschüchtern;
- Schläge (wie im Fall Frauendorfer) – sind Verletzungen der Person und der Menschenrechte;

KOMPLEX BÜCHER / VERLAGSWESEN

- Einengung unserer Möglichkeiten, mit unseren Texten die Öffentlichkeit zu erreichen, z.B. das deutsche Jahresprogramm des Facla Verlags Temeswar wurde von sieben auf drei Titel reduziert;
- Zensur (aus meinem Gedichtband „Reibfläche“, Kriterion Verlag 1982, wurden so viele Gedichte rausgeworfen als drin geblieben sind (42) und das Buch verstümmelt, sogar in Zeitungen und Zeitschriften bereits veröffentlichte Gedichte werden aus den Typoskripten entfernt, in der Zeitschrift „Volk und Kultur“ wurden unsere Meinungen zum „Schässburger Dichtertreffen“ 1984 rausgeworfen;
- die Buchauflagen sind zu klein;
- das AMG-Jahrbuch „Pflastersteine“ durfte erst ein Jahr nach Erscheinen im Buchhandel verkauft werden;

KOMPLEX SCHRIFTSTELLERVERBAND

- das Problem Johann Lippet – Warum hat das Temeswarer Kreisparteikomitee den Beschluss der Schriftstellervereinigung Temeswar, Lippet in den Schriftstellerverband aufzunehmen, nicht bewilligt (?);
- der Fall Peter Motzan (ebenfalls abgelehnt);
- wir haben im Schriftstellerverband kaum noch Leute, die unsere Interessen vertreten können;
- was geschieht mit den anderen Kollegen, die demnächst in den Verband aufgenommen werden sollen (Herta Müller, William Totok, Stefan Sienerth, Balthasar Waitz, Emmerich Reichrath) (?);

KOMPLEX SCHRIFTSTELLER und AMG-Literaturkreis

- Verbot der Lesung des westdeutschen linken Lyrikers Günther Herburger im AMG (das ist ein Misstrauensvotum für die Leitung dieses Kreises);
- Reiseverbote für Schriftsteller -
BRD: Richard Wagner, Herta Müller, Franz Hodjak, Horst Samson verboten, Polen: Rolf Bossert verboten,
DDR: Franz Hodjak, Helmuth Frauendorfer verboten,
Ungarn: William Totok verboten;
- der Rumänische Schriftstellerverband hat noch nie einen unserer jungen deutschen Temeswarer Autoren zu offiziellen Veranstaltungen ins Ausland geschickt (DDR, Ungarn, BRD; England etc);
- BRD-Botschafter Hartmut Schulze-Boyssen (Bukarest) wollte bei seinem Temeswar-Besuch ein Essen geben für die jungen Autoren – das wurde ebenfalls verboten;
- katastrophaler Import von deutschen Zeitungen und Büchern;
- Verbot der 15-Jahrfeier des AMG im Sommer 1984;
- wir fordern die Organisierung von regelmäßigen (alle zwei Jahre stattfindenden) Erfahrungsaustauschen der rumäniendeutschen Schriftsteller, Literaturkritiker und Literaturhistoriker durch Unterstützung des Kulturkomitees, das nur für Wiesenfeste Geld hat;
- obwohl unsere rumäniendeutschen Publikationen schlechteste Überlebenschancen haben, zwingt man Schüler deutscher Klassen Zeitungen und Zeitschriften wie „Scinteia Tineretului“ („Funke der Jugend“, die Zeitung des kommunistischen Jugendverbandes), der Parteizeitung „Scinteia“ („Der Funke“, die Parteizeitung der RKP), der Zeitschrift „Cutezatorii“ („Die Kühnen“) etc. zu abonnieren;


KOMPLEX ANDERE PROBLEME

- warum gibt es keine deutsche Schauspielklasse mehr (?);
- es fehlen angemessen ausgebildete Lehrkräfte am Germanistik-Katheder der Uni Temeswar, z.B. Frau Grozav beherrscht die deutsche Sprache nicht adäquat;
- die Reform der Geschichtebücher für die deutsche Sektion ist fällig (Beachtung der Geschichte der Rumäniendeutschen);
- Doppelbenennungen der Ortschaften in den Publikationen abschaffen;
- das Verbot der deutschen Universitas-Seite in der Temeswarer Studentenzeitschrift „Forum studentesc“ („Studentenforum“) ist aufzuheben;
- warum nur noch eine halbe Stunde dt. Fernsehsendung pro Woche, anstatt des ehemals Zwei-Stunden dauernden Programms (?);
- Verbot der deutschen Radiosendung „Tonspecht“ für die Studentenheime.

Nach diesem letzten Punkt sprang der Kalif wie von der Tarantel gestochen auf und schrie los, was wir uns eigentlich vorstellten mit unseren unverschämten Forderungen. Da könnten dann ja auch die arabischen Studenten am Polytechnikum und der Universität (von denen es eine beachtliche Zahl an der Uni Temeswar gab, die hier teils im Partnerschaft- und Wirtschaftsaustausch zwischen Rumänien und arabischen Ländern studierten) einen eigenen Radiosender fordern.

Diese Beleidigung konnte ich so nicht stehen lassen, also zottelte ich ein paar Dezibel lauter zurück: „Ich weiß nicht, was Sie sich eigentlich vorstellen, aber wir Rumäniendeuten sind nicht die Araber Rumäniens, wir verlangen unsere Rechte als Staatsbürger!“

Das löste großes Getöse des Kalifen aus und der Geheimdienstvizechef verlor völlig die Nerven und die Fassung, drohte uns schreiend 15 und mehr Jahren Gefängnis an, wenn wir uns noch einmal rührten. Den nächsten Gruppenauftritt werde man als staatsfeindlichen Akt betrachten und der Staatsanwaltschaft vorlegen. Damit waren wir hinausgeworfen, des Raumes verwiesen noch ehe sich die Sonne dem Zenit auch nur genähert hatte.

So verging der Tag wie tausend andere und eine Nacht. Für den Tag danach hatten aufgrund des Disputs der Erste Kreisparteisekretär Cornel Pacoste und der Propagandachef, Florescu, eine Blitzsitzung aller Temeswarer Verantwortlichen von Presseorganen und Rundfunkanstalten einberufen, bei der Pacoste und Florescu mit sofortiger Wirkung Sende- und Veröffentlichungsverbot für Texte von den Unterzeichnern des Protestbriefes anordneten.

Und in einem dreiseitigen Papier an das Innenministerium Bukarest, an die Direktion I, Bereich II, berichteten sie, dass sie „die Briefeschreiber zur Verantwortung gezogen, ihnen die feindlichen, tendenziösen und interpretierbaren Aktivitäten vorgehalten habe, die gegen die Gesellschaftsordnung gerichtet sind, gegen die sozial-politische wie ökonomische Lage in unserem Land, aber auch die organisierte und kollektive Art wurde sanktioniert, in der sie mehrere Probleme vorgetragen haben, die nicht der Realität entsprechen“.

„Um ihnen das zu beweisen, wurden ihnen einige ihrer eigenen Schriften vorgelegt ... Von den besagten Elementen (rumänisch „Elementelor in cauza“) wurde verlangt, Beweise zu erbringen und ihre in dem gemeinsamem Memorandum erhobenen Behauptungen zu konkretisieren. Trotzdem hat Horst Samson im Namen aller behauptet, dass in ihrem Kreis sowie auch im Kreise anderer Personen einige Unzufriedenheiten bestünden, aufgrund einiger Probleme wie:

- deutsche Schriftsteller würden nicht in den Schriftstellerverband aufgenommen;
- im Literaturkreis würde es nicht erlaubt, das westdeutsche Schriftsteller über deutsche Kultur und über ihre Werke sprechen könnten;
- dass man ihnen nicht erlaubt, zu Symposien und anderen literarischen, kulturellen Veranstaltungen zu reisen;
- dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Werke zu drucken, oder dass die in zu kleinen Auflagen (200 Exemplare) und in nicht angemessener grafischer Aufmachung gedruckt werden;
- dass auf einige Schriftsteller Druck ausgeübt wird, das Land zu verlassen und andere würden verunsichert durch die Organe der Staatssicherheit, so dass sie nicht mehr schreiben würden.

Sich anmaßend, dass sie die Vertreter der deutschen Nationalität wären, brachten sie auch noch andere Probleme aufs Tapet, wie:

- in den Geschichtsbüchern für die rumänischen Schulen würde die Geschichte der Deutschen in Rumänien nur in fünf Zeilen behandelt;
- das deutsche Staatstheater würde aus Mangel an Schauspielern seine Aktivitäten begrenzen müssen, weil am Institut für Theaterkunst in Bukarest keine deutsche Abteilung mehr besteht;
- an der Philologiefakultät in Temeswar würden schlecht vorbereitete Lehrkräfte deutsche Sprache und Literatur unterrichten.

Das von Horst Samson Behauptete wurde mit Argumenten und konkreten Beispielen widerlegt, und dabei demonstriert, dass es irreal ist, und dass sie an einigen Situationen und Problemfällen selbst hauptschuldig sind - wegen ihrer Aktivität, Position, Haltung und ihrem Benehmen, das sie an den Tag legen. Ihnen wurden gleichzeitig auch die Rechte und Freiheiten demonstriert, deren sie sich erfreuen, und die Möglichkeiten, sich zu verwirklichen, die sie haben, sowohl sie als auch alle mitwohnenden Nationalitäten in unserem Lande.

Die Art, wie die Diskussion mit diesen Elementen organisiert war, durch die Zusammensetzung unseres Gremiums (gemeint sind Cristescu, Florescu, Dumbraveanu und Iancu, Anm. H.S.), durch die Argumente, mit denen ihre Behauptungen widerlegt wurden, durch die konkreten Beispiele aus ihren eigenen Werken, mit denen ihre Aktivitäten demaskiert wurden, führte dazu, dass sie überrascht waren und sich in einer unangenehmen Situation befanden, weil sie sich genötigt sahen zuzugeben, dass ihre Aktivitäten Entgleisungen, Fehler sind und sie verlangten, dass sie nicht nur von diesen Gesichtspunkten aus beurteilt werden sollten.

Sie wurden aber darauf aufmerksam gemacht, dass – wenn sie ihre Aktivitäten nicht ändern – man gegen sie ganz andere Maßnahmen ergreifen wird, einschließlich Strafverfolgung.

Gleichzeitig wurde ihnen empfohlen, in ihren schriftstellerischen Aktivitäten mit der Schriftstellervereinigung zusammenzuarbeiten, damit diese Aktionen dann von der Vereinigung organisiert werden, um die Genehmigung durch die kompetenten Organe zu erhalten, und dass sie zu gleicher Zeit aufhören sollen, tendenziöse und interpretierbare Arbeiten zu schreiben und zu veröffentlichen.

Unsererseits wurden Maßnahmen ergriffen, die Ausforschungsarbeit im Umfeld dieser Personen zu intensivieren, um jedweden Versuch, feindliche Aktivitäten zu entfalten, zu erkennen und zu bekämpfen. Über die erlangten Daten und Informationen wird sodann berichtet.

Es unterzeichnen
Oberstleutnant Ion Cristescu, stellvertretender Leiter der Securitate,
und
Oberst Antonie Ianculescu, Leiter des Dienstbereiches I/A
(Angefertigt wurde der Bericht in zwei Exemplaren)

Über die beschämende, entlarvende „Araberaffäre“ und die daraus resultierende Eskalation des Streites zwischen Florescu und mir verloren sie in dem Bericht für Bukarest kein Wort. Die Verfehlung wurde totgeschwiegen.

* * *

Zwei Monate nach meiner am 6. März 1987 erfolgten Ausreise aus Rumänien schlagen der Leiter des Dienstbereiches III, Hauptmann Romul Dragan, und der Spezialhauptoffizier III, Oberstleutnant Josif Lighezan, in einem als „Streng geheim“ eingestuften, in einem einzigen Exemplar ausgefertigten Bericht vor, die Akte „Sandu“ zu schließen. Sandu ist der Codename, den sie mir verabreicht hatten.

Im Schnelldurchgang wird dabei meine Karriere als Staatsfeind, der im Verdacht steht, auch westdeutscher Spion zu sein, rekapituliert – vom feindlich gesinnten Dichter über den Rädels- und Wortführer der Temeswarer Autorengruppe bis hin zum notorischen Provokateur. Dem Geheimdienst – so heißt es in diesem Schlussbericht - sei es gelungen, weitere von mir geplante Protestaktionen erfolgreich zu verhindern, indem sie mich durch Diversionsmaßnahmen bei den anderen rumäniendeutschen Schriftstellern, genannt sind Herta Müller, Richard Wagner und William Totok, diskreditiert haben und so isolieren konnten. Sie hätten gezielt „die Version“ verbreitet, dass ich Mitarbeiter der Securitate sei. „Die Kampagne zur Isolierung des ,Sandu’ und seiner Frau im Kreise deutscher Schriftsteller, deutscher Künstler, Lehrer, Journalisten und anderer Kulturschaffenden konnte noch verschärft werden“, heißt es in diesem Papier, indem sie mich als ersten der Schriftsteller wegen der Ausreise einbestellt hätten, dadurch sei das Misstrauen gegen mich weiter gewachsen. Im zweiten Teil des Jahres 1985, in den Jahren 1986 und 1987 bis zu meiner Ausreise hätten die Organe der Staatssicherheit auch nichts mehr gegen mich unternommen, da dem Geheimdienst bekannt gewesen sei, dass ich – vom Ausland aus vorbereitet - nur auf Provokationen gewartet hätte, um mich als Dissident zu profilieren.

So weit die Worte des allerletzten Berichtes aus 1001 Nacht. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute.

Neuberg, 27. November 2009

 
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