Wolfgang Wiesmüller  (Innsbruck)

Gebet und Gedicht

(Auszug aus dem Essay „Gebet und Gedicht. Zur Intertextualität von Textgattungen am Beispiel der Gebetslyrik“, vorgetragen bei der Veranstaltung „Der Text als Begegnungsfeld zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik. Zehn Jahre Germanistik in Szombathely im europäischen Zusammenhang - Jubiläumskonferenz 29.-30. Oktober 1999”, Acta Germanistica Savariensia, Hrg. der Schriftenreihe: Lajos Szalai, Szombathely 2000. )

... In einen krassen sprachlich-stilistischen Gegensatz zur Chiffrensprache dieser Lyrik treten in den siebziger Jahren jene Gedichte, die man als „Neue Subjektivität" oder „Alltagslyrik" ettiketiert hat. Auch diese lyrische Richtung hat in der Gebetslyrik ihre Spuren hinterlassen und zwar ebenfalls als Versuch, mit dem Textmuster "Gebet' neue, ungehörte und auch unerhörte Sprechweise auszuprobieren. Da ist zum einen die Tendenz zur Alltagssprache mit einem Hang zum Lakonismus, was sich formal oft in der Kürze der Verszeilen wie der Gedichte selbst niederschlägt, beispielsweise in einem dem Stoßgebet „Jesus!" nachempfundenen Gedicht des Schweizer Autors und Pfarrers Kurt Marti mit dem Titel „Jesses!"76. Man wird diesbezüglich auch bei Wilhelm Willms fündig, einem Autor, der wie Marti seinen Beruf als Priester mit dem Schreiben verbindet und dabei mit seinen Texten auch oft an der Schwelle vom poetischen zum pragmatischen Gebetstyp steht oder sie auch überschreitet. In seinem Gedicht „life"77 will er Gott eine Sprache zu Ohren bringen, die nicht nur im sakralen sondern auch im öffentlich-gesellschaftlichen Bereich tabuisiert ist: 

wer trägt dir
gott
die texte vor
die auf der innenseite
der bahnhofstoilettentüren
stehen
ungefiltert
20 pfennig
ein druck
auf die klinke
vielleicht
gehen sie dir nahe
diese ungeschminkten
Sprüche
gott
vielleicht gehen dir die äugen auf und du ziehst uns aus der scheiße
warum sollen
uns allein
die äugen aufgehen 

Die Sprache dieses Gedichts verläßt den poetisch-gehobenen Stil und nähert sich mit Wörtern wie „life", „ungefiltert", „ungeschminkte sprüche" oder „scheiße" einem saloppen Jargon an, wie er für die Alltagslyrik typisch ist und der hier auch an die Sprache von Jugendlichen denken läßt, die man auch aufgrund des provokanten Tons im lyrischen Wir erkennen könnte. Insofern die hier angesprochenen „anonymen Kritzeleien vulgär-obszönen, sexistischen, rassistischen oder populistischen Inhalts" als „Ausdruck menschlicher Not und menschlichen Unvermögens"78 gewertet werden können, scheint auch in diesem Gedicht noch das Muster des Bittegebets durch, wenngleich, wie in anderen der hier vorgestellten Gebetsgedichten auch, neben der Stilebene ein egalitäres bis forderndes Sprechen die Erwartungshaltung dieses Musters irritiert.

Die Gebetslyrik bezieht sich natürlich keineswegs, wie die bisherigen Beispiele mit Ausnahme von Jandls „der westliche gott" vermuten lassen könnten, ausschließlich auf die Form des individuell-persönlichen und freigestalteten Gebets, wenngleich diese Art des intertextuellen Bezugs zwischen Gebet und Gedicht offensichtlich klar dominiert, sondern es zählen auch feststehend formulierte Gebet zu ihren Prätexten, was an einem Grundgebet des christlichen Glaubens, dem „Vater unser", noch kurz angerissen werden soll. Kurt Marti hat in seinem Buch „Grenzverkehr" einige Gedichte zusammengetragen, die das „Gebet des Herrn", wie es auch genannt wird, konterkarieren. 79 Sie wollen, wie er meint, mit „schockierender Aktualisierung" wie z.B. Hans Härings „mammon unser" aufzeigen, wie sehr gerade dieses zentrale Gebet des Christentums zur Leerformel verkommen ist.80 Marti selbst hat in seinem „unser vater"-Gedicht einen anderen Weg beschritten, der Gefahr der Inhaltsleere dieses Gebets zu entkommen, die theologische Aktualisierung. Indem er die einzelnen Abschnitte und Bitten des „Vater unser" in lutherischer Tradition paraphrasiert, versucht er eine zeitgemäße kritische Auslegung, was sich für den ersten Abschnitt folgendermaßen anhört:

unser vater
der du bist die mutter
der du bist der söhn
der kommt
um anzuzetteln
den himmel
auf erden81

Aufgrund der „starken intellektuellen und theologischen Komponenten" tendiert dieses Gedicht allerdings zu einem „theologischen Gebrauchstext"82 und damit auch zum pragmatischen Gebetstyp. Ich möchte daher diesen Streifzug mit einer „Vater unser"-Adaption des poetischen Typs beschließen, in der sich für mich einige wichtige Merkmale der Gebetslyrik nach 1945 bündeln. Es handelt sich um ein Gedicht des rumäniendeutschen Autors Horst Samson, der nach Schreibverbot und Morddrohungen 1987 in die Bundesrepublik Deutschland emigrierte und seither in Neuberg bei Frankfurt am Main lebt. Enthalten ist es in Samsons noch unveröffentlichtem Poem „La Victoire"83, dem er als Motto ein Zitat aus T. S. Eliots „The Waste Land" („These fragments I have shored against my ruins") vorangestellt hat.

Vater unser, der du uns rudern siehst mit den Wurzeln,
Wir sind Dein, und Dein ist das Reich,
Das wir meinen. Hörst du, wie 

Es lallt hinauf zu Dir, was nicht verloren ging
In uns, der Durst. Wir kommen Vater,
Aus dem Staub kommen wir zu Dir. Es drehen sich

Feuerrad, und Stein, und Hunger, und es rosten
Die Spitzen der Tage ins fleischrote
Land - ein Schiff, das langsam sich zur Seite neigt, 

Doch wir rudern, Vater, und wie wir rudern...

 

Wenngleich das Gedicht die vertrauensvolle Anrede Gottes als „Vater" noch übernimmt und auch bis zum Schluß aufrechterhält, so bleiben doch in auffälliger Weise die Bitten des „Vater unser"-Gebets völlig ausgespart.  An ihre Stelle tritt die Darstellung der Situation des lyrischen Wir, in der sich eine Distanz zwischen Gott und den Betern aufbaut, die auch räumlich vermittelt wird und die in der Frage „Hörst du [...]" den Eindruck des Verlassenseins erweckt. Damit zieht ein anderer Ton in das Gedicht ein, der an das Klagen der Psalmen erinnert, was durch Bilder des Todes, des Leidens und der Qualen unterstrichen wird. Ein Begriff wird allerdings doch noch aus der Textvorlage zitiert, der nicht nur im „Vater unser", sondern im Neuen Testament insgesamt eine zentrale Rolle spielt und auch  von  der literarischen Tradition her konnotiert ist, das „Reich" Gottes. Es steht hier wohl für die Utopie einer anderen, besseren Welt, nach der die Sehnsucht der Menschen noch nicht verstummt, ihr „Durst" noch nicht erloschen ist, auch wenn er sich nur im Lallen zu artikulieren vermag. Das Gegenbild dazu stellt jenes „Land" dar - leitmotivisch taucht es im gesamten Poem immer wieder auf, beispielsweise ebenfalls mit biblischen Anspielungen als „ungelobte[s] Land", in dem wir „verschüttet" leben84 -, in dem die Menschen sich wider alle Hoffnung und im Angesicht des drohenden Untergangs („ein Schiff, das langsam sich zur Seite neigt") behaupten müssen und wollen. Daraus aber scheint dieses lyrische Wir gerade Kraft und Selbstbewußtsein zu schöpfen, um sich Gott gegenüber zu emanzipieren und ihm damit die Rolle des teilnahmslosen Zuschauers zuzuweisen. Das adverbiale „wie" der Schlußzeile enthält jedenfalls eine Ambivalenz, in der einerseits die Tatsache des Ruderns verstärkt, andererseits aber auch die Stärke der Rudernden hervorgehoben wird. Gerade mit dieser Spannung von religiösem Bewußtsein und dem Bewußtsein des Ausgesetztseins des modernen Menschen, wie es schon bei T. S. Eliot zum Ausdruck kommt, auf den sich Samson ja bezieht, scheint mir dieses Gedicht für die zeitgenössische Gebetslyrik besonders charakteristisch zu sein.

Den hier aufgezeigten Ausprägungen der Gebetslyrik nach 1945 mit ihren vielfältigen Versuchen, die Sprache des Gebets in Bewegung zu halten, sie vor einer „bürgerlichen Botschaftssprache" zu bewahren, wie Paul Konrad Kurz es genannt hat , oder, um wieder auf Thomas Dienberg zurückzukommen, dem „Modus des [kulturellen] Bruchs"86 bewußt oder unbewußt Rechnung zu tragen, stehen Gebete gegenüber, die als religiöse Gebrauchsliteratur klassifiziert werden können, worauf oft schon ihre Publikationsform hindeutet. Der dominante Unterschied zu den poetischen Gebeten besteht darin, daß sie von Sprachreflexion und Sprachproblematik unberührt bleiben, oder, um nochmals Kurz zu zitieren, nicht „sprachbewußt" gearbeitet sind.87 ...

 

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74 Christine Busta: Wenn du das Wappen der Liebe malst. Gedichte. Salzburg 1981, S. 121. Erstveröffenlichung in: Christine Busta: Unveröffentlichte Gedichte. Wien 1965, S. 16.

75 Zit. n. Wolfgang Wiesmüller: Christine Busta im Briefwechsel mit Ludwig Ficker. In: Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv Nr. 10 (1991), S. 39-61, hier S. 61.

76 Kurt Marti: Ungrund Liebe. Klagen, Wünsche, Lieder. Stuttgart 1987. S. 28.

77 Wilhelm Willms: lichtbrechung. geistliche lyrik. Kevelaer 1982, S. 101.

78 Elke Pale-Langhammer (Anm. 6), S. 106.

79 Kurt Marti: Grenzverkehr. Ein Christ im Umgang mit Kultur, Literatur und Kunst. Neukirchen-VIuyn 1976, S. 157-163: „Unser-Vater-Gedichte". ""Ebenda, S. 157.

81 Kurt Marti: abendland. (1. Ausgabe 1980). Hamburg-Zürich 1993 (=Sammlung Luchterhand 1102), S. 50.

82 Elke Pale-Langhammer (Anm. 6), S. 88.

83 Ausschnitte daraus sind in der von Ferruccio Delle Cave im Auftrag vom „Kreis Südtiroler Autoren im Südtiroler Künstlerbund" und der Kurverwaltung Meran redigierten Broschüre „Lyrik im Gespräch" zum Meraner Lyrikpreis 1998 enthalten, bei dem Horst Samson einen Förderpreis erhalten hat. Ich danke Herrn Samson für die Erlaubnis, sein Gedicht hier abdrucken zu dürfen.

84 Ebenda, S. 6l.

85 Paul Konrad Kurz: Komm ins Offene. Essays zur zeitgenössischen Literatur. Frankfurt a. M. 1993, S. 187.

86 Thomas Dienberg (Anm. 12). S. 419.

87 Paul Konrad Kurz (Hrsg.): Wem gehört die Erde. Neue religiöse Gedichte. Mainz 1984, S. 257.

88 Vgl. bei Karl-Josef Kuschel: Im Spiegel der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Düsseldorf 1997, S. 175-193: „Die Tabuisierung der Gotteskritik". Vgl. zu diesem Sprachproblem der religiösen Lyrik, das auch mit einem Rezeptionsproblem einhergeht, weiters Georg Langenhorst: Im Zwiespalt von Spiritualität und poetischer Qualität? „Christliche Lyrik" in den 90er Jahren. In: Theologie und Glaube 86 (1996), S. 66-81. Langenhorst kommt zu dem Schluß: „Ohne Zweifel findet in unserer Gesellschaft eine weiter zunehmende 'Gettoisierung' des Genres 'christliche Lyrik' statt [...]. Die Texte aus dem deutschen Sprachraum [...] sprechen nolens volens fast ausschließlich ein - zudem zahlenmäßig ständig schrumpfendes -binnenkirchliches intellektuelles Publikum an." (S. 80)

 
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