Aus der ,,Neuen Banater Zeitung”, Temeswar, 13. Juni 1982.

Dankrede

zur Verleihung des ,,Adam Müller-Guttenbrunn”-Literaturpreises 1982

 

 


Liebe Literaturkreismitglieder, liebe Freunde!

,,Neuer Saft, neues Leben, neue Liebe war in alle Wesen geschossen, in Pflanze, Mensch und Tier”. Dieser Satz steht ganz am Anfang des 1910 erschienenen Romans ,, Die Glocken der Heimat” von Adam Müller-Guttenbrunn, nach dem der Literaturpreis benannt ist, der mir aufgrund von 42 erhaltenen Stimmen in diesem Jahr verliehen wurde. Ich danke denen, die für mich gestimmt haben.

Anknüpfend an die eingangs zitierten Worte, möchte ich mein Bedauern äußern, daß der in Müller-Guttenbrunns Satz beinhaltete Optimismus in dieser Form keinen Einlaß in meine Texte gefunden hat. Das liegt weder an dem Optimismus, noch liegt es an mir, sondern vielmehr daran, daß zwischen dieser Gemütsverfassung, von der ich spreche, und mir die Realität steht. Und diese Wirklichkeit hat der Zuversicht den Her-Weg verstellt, sie hat mir sozusagen das Wasser abgegraben. Aber anstatt zu vertrocknen, habe ich es vorgezogen, mich zur Wehr zu setzen. Schreibend. Landschaft, Menschen und Da-Sein versuche ich abzulichten und bin dabei bestrebt, auch ihren existentiellen Kontext zu thematisieren. Verstörungen und Verfestigungen, Bedrängnis und Entsetzen, vom Schlag getroffene Stimmbänder, denen Tag für Tag immer mehr an Sprache geraubt wird. Das macht den Boden meiner Texte aus. In ihnen schaffe ich mir eine Welt, in der ich leben kann, in der ich frei bin, Sprache zu setzen, die es mir ermöglicht, den Verlust von Zukunftsglauben aufzuheben, meine Erfahrung und Erinnerung auf den Nenner der Erfahrung und Erinnerung zu bringen und vorzustoßen, in Richtung jener Generalutopie, die für mich die Chance zum Überleben ausmacht. Das ist nicht der illusionäre Versuch, sich den Zwängen des Umfelds zu entziehen, sondern vielmehr ist es das Bemühen, es nicht zu unterlassen, sich diesem grundsätzlichen Mechanismus bewußt und ihn-verändern-wollend auszusetzen, nicht aufhörend zu bezweifeln, daß diese Welt, so wie sie ist, die beste der möglichen sei. Andernfalls riskieren wir es, eine Nachtigall zu erfinden, die uns auslacht, einen Wald, der über uns wegwächst, einen Stein, der uns in sich einschließt, eine Sprache, die uns umbringt.

Unser Glück hat im Schatten dieser Gefahr zu leben, zu bestehen.

Darum darf es Sie nicht wundernehmen, daß sich auf dem Weg von der Großhirnrinde in die Finger meiner schreibenden Hand, im Gedicht das Wort Zukunft in Zunge verwandelt, oder Liebe in Hiebe, denn Literatur - so wie ich sie begreife - ist der mögliche und mitgeteilte Ausbruchsversuch aus Abtötungsverfahren, die gegen uns eingeleitet sind. Die Wirksamkeit von Literatur unter diesen Umständen impliziert eine Haltung, die im Text ausgeführt werden muß, die wir einer - vorausgesetzt teilweise noch lebendigen und unverfälschten - Öffentlichkeit nicht vorenthalten dürfen. Verkürzt ist hier eine Ästhetik des Widerstands anvisiert, die Tendenz, literarisch gegen die entfremdende Beengung und Abflachung vorzugehen, der das Ich ausgesetzt ist. Diesen Gedanken in die Realität umzusetzen, scheint mir erst dann machbar, wenn es gelingt, die Isoliertheit, in der jeder von uns alleine lebt und in der wir alle zusammen existieren, aufzuheben und uns in größeren Zusammenhängen zu sehen, zu verstehen, Gehör zu verschaffen, denn ,,Die meisten Irrtümer, die wir begehen, entspringen der Unkenntnis über unsere Stellung im Urteil der Welt”, schrieb der spanische Schriftsteller und Philosoph José Ortega y Gasset. Diesem Satz könnten wir uns meines Erachtens anschließen, auf daß neuer Saft, neues Leben, neue Liebe in alle Wesen schießt, in Pflanze, Tier und Mensch.

Horst Samson

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Der AMG-Literaturpreis wurde gestiftet von den 80 Mitgliedern des Temeswarer Literaturkreises ,,Adam Müller-Guttenbrunn” der Schriftstellervereinigung Temeswar;  Vorsitzender der Jury im Jahr der Verleihung: Nikolaus Berwanger; Leiter des Literaturkreises im Jahr der Verleihung: Richard Wagner.

 
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