Aus dem “St. Galler Tagblatt” (Schweiz)
Donnerstag, 7. Juli 1988, Bund III/Seite 3

Zur problematischen Lage deutscher Schriftsteller in Rumänien

Beherrschendes Gefühl: Angst

Rumänien befindet sich seit Jahren in einer politischen Krise. Welche Auswirkungen zeigt dies im kulturellen Bereich? Namhafte Schriftsteller wie Herta Müller oder Richard Wagner leben bereits seit einiger Zeit im Westen. Das Interview mit dem rumänien-deutschen (und inzwischen in die BRD emigrierten Schriftsteller Horst Samson zeigt exemplarisch die engen Grenzen kulturellen Schaffens in diesem Lande unter besonderer Berücksichtigung politischer Aspekte auf.

Ist die kulturelle Landschaft in Rumänien abgestorben? Wie ist es um die Angebote z. B.. in Theater, Kinos bestellt?

Horst Samson: Der rumänische Staat führt seit einiger Zeit eine eigentliche Entkulturisierungskampagne durch, leider mit Erfolg. Diese betrifft keineswegs nur den Bereich Literatur. Dem Theater hat man durch den Entzug der Subventionen und durch Verordnung eines Zwangsrepertoires die Bretter unter den Füßen weggezogen. Der Bereich der bildenden Künste beschränkt sich häufig auf Werke, die den «Führer» mit seiner Lebensgefährtin in blühender Zeitlosigkeit darstellen.

Unbefriedigende Radioprogramme

Befinden sich Radio und Fernsehen in derselben mißlichen Lage?

Samson:Ja. Die Programme sind bedenklich. Das rumänische Fernsehen sendet - um Strom zu sparen - nur zwei Stunden täglich, Programme für Minderheiten wurden gestrichen. Die Kinos profitieren aber nicht davon: Problemfilme wurden aus den Kinos verbannt, talentierte rumänische Regisseure wurden aus dem Land oder in die (bewachte) Anonymität gedrängt. Zusammenfassend muß man feststellen, daß alle kulturellen Institutionen einer tiefschürfenden Sinnentleerung unterzogen worden sind.

Bewohner im Niemandsland

Wie würden Sie die Lage der rumänien-deutschen Schriftsteller umreißen?

Samson:Der deutsche Schriftsteller in Rumänien ist Bewohner eines Niemandslandes. Er steht zwischen allen Fronten. Auf der einen Seite gibt's da den deutschen Kulturkreis, dem er entwachsen ist. Dazu gehört auch die Bindung an den binnendeutschen Sprach- und Literaturraum, ohne den er nicht vorstellbar wäre. Andererseits muß er im «Sozialismus» rumänischer Prägung leben, in dem er - aus diversen Gründen - nie heimisch werden kann. Dieser Zwiespalt, diese Zerrissenheit prägt seine Sprache.

Zum Schweigen verurteilt

Sie sind in Rumänien geboren und aufgewachsen. Wie ist Ihre Beziehung zudieser Heimat?

Samson:Wie jeder Mensch fühlt sich auch der Schriftsteller zu seiner Heimat hingezogen, möglicherweise auch nur im stillen, ganz gleich, wie man diese Heimat auch immer zugerichtet hat. Zugleich jedoch wird er von deren machtbesoffenen Repräsentanznullen an die Wand gedrückt und, im besten Falle, zum Schweigen und Totgeschwiegenwerden verurteilt.

Ist Widerstand unter diesen Umständenzwecklos?

Samson:Widerstand ist in Rumänien ein sehr problematisches Unterfangen. Lehnt sich ein Schriftsteller gegen geistige Bevormundung, Zensur oder Mitläufertum auf, verändert sich alles sehr rasch zum Bösen. Es gibt nur wenige Ausnahmen, denen es gelungen ist, bis heute in Rumänien zu überleben, ohne sich literarisch zu prostituieren. Stellvertretend seienhier Joachim Wittstock oder Franz Hodjak genannt.

Schlachtmesser Zensur

Sie sprechen von Zensur, Bevormundung. In welchem Ausmaß gibt es Repression und unverdeckte Gewaltanwendung?

Samson:Die Bedingungen, unter denen in den letzten fünfzehn Jahren in Rumänien deutsche Literatur entstand, und auch jetzt noch - wenn auch sehr eingeschränkt - geschrieben wird, sind im Westen kaum vorstellbar. Die Zensur ist zum Schlachtmesser im Kopf geworden; die Repression ist in mannigfaltiger Gestalt allgegenwärtig. Durch Überwachung und Bespitzelung wird jede vernünftige Kommunikation unterbunden, Intimsphären gewaltsam zerstört, Briefe werden geöffnet, Pakete beschlagnahmt, Telefonate abgehört. Die Redaktionen bleiben davon nicht verschont. Jeder hält sich fest an seinem wackeligen Stuhl. Typoskripte werden verstümmelt.

Wie waren Ihre persönlichen Erfahrungen mit der staatlichen Repressionsmaschinerie?

Samson:Die Kollision mit dem Machtapparat des Geheimdienstes war durch meine schriftstellerische Arbeit vorprogrammiert. 1982 wurde ich verhaftet. Bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmte der Geheimdienst Texte, Bücher, Tonaufzeichnungen. Gleichzeitig wurde mein Kollege, der Schriftsteller William Totok, verhaftet. Mir wurde gedroht, mich für 15 Jahre einzusperren. Es war wie ein böser Traum. Ich empfand vor allem Wut; die Angst kam erst später, als alles relativ glimpflich vorüber war. Wir kamen mit Verhören und Drohungen davon. Auf meinen Emigrationsentschluß folgte aber unverzüglich ein generelles Publikationsverbot. Ich verlor meine Stelle als Redakteur. Ebenso wurde meine Frau - sie ist Lehrerin - entlassen.

Ein Teufelskreis

Die Auswanderung von Angehörigender deutschen Minderheit aus Rumänienhält unvermindert an. Dadurch verschlechtert sich wohl die Lage der Zurückgebliebenen dramatisch?

Samson:Ja. Dies legitimiert die rumänische Regierung in ihren minderheitsfeindlichen Aktionen, was zu weiteren Ausreisewilligen führt - ein Teufelskreis. Der Verlust an Öffentlichkeit ist denn auch das größte Problem des rumäniendeutschen Schriftstellers. Die Zahl der Leser ist sehr geschrumpft. Der Kampf um Essen und Auswanderung sind gleichermaßen schuld daran.

Wie haben Sie die Emigration in die BRD erlebt?

Samson:Ich möchte auf diese Frage zunächst mit einem Gedicht antworten:

«FAHRWIND // Die Soldaten horchen. Der Morgen / trägt ein Gewehr auf der Schulter / und lauscht. Aber wir reden im Abteil / nicht. Auch die Bäume im Bahnhof sind still. / Gleich ruckt die Lok an, gleich / verlöschen Gesichter jenseits und diesseits / der Scheiben, gleich sperren sie (für immer?) / die Heimat hinter mir ab. Tücher winken, / Kappen. Die sprachlosen Freunde / auf dem bewachten Gleis. Ihre Pupillen / schwimmen mir nach, ihre Gedanken / auf die Grenze / zu. Im abgestandenen Märzmorgen schwinden / die Hinterbliebenen dahin. / Ich sehe sie / schrumpfen wie die welkenden Blätter / eines müden Philodendrons. »

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Die Ankunft in Nürnberg entlockte uns keine Freudentöne. Natürlich waren meine Familie und ich froh, daß wir mit heiler Haut entronnen waren. Diese Freude jedoch wurde vom Verlust sehr überschattet. Betretenes Schweigen wie am Ende eines langen und verlorenen Nervenkrieges bestimmten unsere ersten Tage in Deutschland. Am schönsten waren für uns - die wir aus Dunkelheit und Kälte kamen - die vielen Lichter, die wir abends durch die Fenster des Durchgangslagers bestaunten. Daß sich jemand über unsere Ankunft gefreut hätte, war nicht zu bemerken. Das wenige Wissen über die westliche Welt, das man als Aussiedler mitbringt, half uns kaum. Vieles war zu lernen, z.B. wie man sich durch die riesigen Löcher in den behördlichen Integrationsbemühungen nicht zu Tode stürzt. Eine ernsthafte Diskussion über uns als Schriftsteller findet in Deutschland nicht statt. Nicht alle Autoren haben in hiesigen Verlagen ein Buch veröffentlicht. Das erschwert alles ungemein. Von den in letzter Zeit emigrierten Autoren stehen gegenwärtig vor allem Herta Müller und Richard Wagner im Blick der Öffentlichkeit. Dies ergibt ein schiefes Bild, welches sich mit der Zeit ändern wird. Man wird auch andere Autoren zur Kenntnis nehmen.

Interview: Theo Buff

 
Sie sind hier: Hintergründe | Interview I
Deutsch
English