Horst Samson

LIEB VATERLAND. Notiz

I
Lieb Vaterland, du magst mich nicht,
Lieb Vaterland, ich mage dich,
Lieb Vaterland, mein Vaterlala, Materlala,
Stiefvatermaterchen, warum maget ihr mich
Nicht, und nicht mein Lala, Landvater Herr und
Landmater Frau, meine Sprachigkeit zu tief
Und hart? Es lallt durch Dünn und Dickicht, Herr
Landvaterlandsgeneral im Nichts, von dort sie kommen
Heut im Koffer mit dem Weg in der Tasche und fremd,
Und viele darunter längst vergessene treue deutsche
Stiefelsöhne zu dir.

II.
Lieb Vaterlandser, blondwütig du, lieb Massengräber
Hinter Draht und Zäunen, saure Stillheit, menschentot,
Heilunruh auch in allen Knochen, und Wanken nicht
Im tauben Unkopf klingt sie nach, kurzschlüssig
Lieb, und viel zu lange, lange:
Trieb Vaterland, Dieb Materland und tatatatata
In der Nacht, lieb Stahlhelmfritz im Erikaka
Auf Kreta und auf der Heid.

III
Lieb Vaterland, geteiligtes, geeiligtes, geeinigtes,
Hieb Vaterlandschaftsmalerei. Ei, ei, die Lust, was
Kostet sie, des mundzerrissenen Propheten, der gar
Nichts stillt im eigenen Wort, nichts
Vorausschweigt und auf nichts ein Vaterlala
Sich machen kann, einen Vers nicht, keinen
Rhein. Lieb du, oh Engelsgesicht bleich auf dem Berg,
Mein V-Land, ja, davongerollt, als Felsen
Mir. Ich bin dein Volk, Dein Schuhabtreter, Liebestöter
Bis zum Knie. Du magst mich, du - ich weiß es -
Magst mich nicht, du magst mich
Raus. Ich aber mage dich, oh Vaterlunte, Vaterunser
Land. Wie du mir schwer im Magen liegst auf meiner Lieb,
Magst ruhig sein, jetzt und ich ja auch,
Ich habe keines, habe keinen Grund, zu sein,
Lieb Vater lande, ich, ach so, nur Bodensee
Unterm Hühneraug, das umsieht sich nach dir.

 
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