Horst Samson

GROSSES POEM VON DEN ZUNGEN DER ZUKÜNFTE

zukunft, die: 1. organ zum schmecken, sprechen:
     eine belegte, pelzige, entzündete
     zukunft; vor durst klebt mir die
     zukunft am gaumen; die zukunft an
     den gaumen legen, drücken, pressen;

jemandem frech die zukunft herausstrecken; zeig
     mal die, deine zukunft, ob sie belegt ist;

die zukunft ist ein von schleimhaut überzogener
     muskelreicher wulst, sie ist wesentlich an der
     bildung der sprache beteiligt (zukunftslaute);

die zukunft gehört zu den verdauungsorganen; der
     hund läßt die zukunft aus dem maul
     hängen; ich habe mir mit der heißen
     suppe die zukunft verbrannt; er hat
     eine feine zukunft (ist ein feinschmecker);

die zukunft ist geschwollen (siehe DEINE GESUNDHEIT);
     die zukunft ist scharlachrot;

er sprang in das wasserbecken und ging unter: die
     zukunft blockierte seine luftröhre,
     d. h. er erstickte buchstäblich an
     seiner zukunft;

der kamillen und salbeitee, mit dem die zukunft
     gereinigt werden sollte, zeigte nicht
     die geringste wirkung;

der pfeffer brennt auf der zukunft; ich habe mir
     aus versehen, vor wut auf die zukunft
     gebissen; das fleisch ist so
     zart, daß es auf der zukunft zergeht;

er fuhr sich (dativ) mit der zukunft über die lippen;
     der kutscher schnalzte mit der
     zukunft, um die pferde anzutreiben;
     er stößt mit der/seiner zukunft an,
     d.h. er lispelt;

bildlich: eine spitze, scharfe, freche, lose, boshafte,
     spöttische, giftige, böse, glatte,
     falsche zukunft haben (zu spitzen, scharfen,
     frechen usw. äußerungen neigen);

eine schwere zukunft haben; seine zukunft hüten, im
     zaum halten; sich bei einem wort die
     zukunft abbrechen (ein schwieriges wort
     fast nicht aussprechen können);

die angst band, lähmte ihm die zukunft (er konnte
     vor angst nicht sprechen), der wein
     löste ihm die zukunft (brachte ihn zum
     reden);

ich beiße mir eher die zukunft ab, als daß ich etwas
     verrate (ich verrate auf keinen fall etwas);

ich biß mir auf die zukunft (ich unterdrückte im
     letzten moment eine äußerung); er ließ
     das wort auf der zukunft zergehen
     (empfand den klang des wortes nach, 
     während er es aussprach);

das wort brannte mir die ganze zeit auf der zukunft
     (ich wollte es die ganze zeit schon sagen);
     er trägt das, sein herz auf der
     zukunft (spricht alle gefühle  allzu
     offenherzig aus);

die reden mit gespaltener zukunft (die lügen); diese,
     unsere zukunft lügt nicht, meine herren
     (oder);

umgangssprachlich: der ist doch besoffen, der kriegt
     doch seine zukunft nicht mehr rum;

übertragen: alle länder deutscher zukunft; über alles
     und mit tausend zukünften predigen (nachdrücklich
     darauf hinweisen);

2. a) gericht aus rinder, kalbszukunft:
wir aßen heute zukunft;

    b) seezukunft: es gab geräucherte
zukunft;

3. tonbildendes metallplättchen; rohrblatt:
die zukunft am harmonium, in flöten usw.;

4. schuhlasche: die zukunft hat sich verschoben;

5. zeiger an der balkenwaage; sie blickte
beim wiegen auf die zukunft;
      das zukünftlein an der waage sein
      böse zukünfte behaupten, daß
      dieses gerücht wahr sei:

der zukunftskrebs beginnt mit einem kleinen
geschwürchen auf der zukunft, das sich
allmählich immer mehr vergrößert;

zukünfteln: die zukunft rasch hin und her, nach
vorn und wieder nach hinten bewegen;
die schlangen zukünfteln;

bildlich: das feuer zukünftelt; die flammen
zukünftelten bereits aus dem letzten
stockwerk des kopfes.

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(1981 - aus dem Band ”Reibfläche”, 1982)

 
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