Horst Samson

RUMÄNIENDEUTSCHES GEDICHT

Als erster gehe ich in die Drehtür
Und komme als zweiter heraus.

Rundum
Blicke ich
Ins Ungewisse.

In einer Zelle,
Tief im Gehirn,
Hebt sich ein Flugzeug
Von der Rollbahn.

Ein Autobus fährt vorüber,
Ein Gesicht ist vor mir.
Das bin doch ich,
Oder bin ichs doch?

Ich ziehe meinen Notizblock aus der Tasche,
Ich beginne ein Gedicht zu schreiben,
Immer schwerer bewegt sich die Füllfeder
Über das Papier.

Wir sind da,
Notiere ich,
Unübersehbar,
Unüberhörbar
Krebsen wir im Sand.

Ich wische mir den Schweiß aus den Augen,
Hoch über mir die Sonne,
Brennend,
Groß
Und schön erschreckend
Ein Kondensstreifen in der Luft.

Laß das lieber,
Flüstert mir jemand ins Ohr.
Komm wir spielen Traum
Und dann reiße ich dir den Kopf ab
Und du ratest, wers war.

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(1980 - aus dem Band ”tiefflug”, 1981,
dort erschienen unter dem Titel ”gedicht”, da
 ”rumäniendeutsches gedicht” von der Zensur
als unzulässig gestrichen wurde.)

 

* * *

ABZIEHBILD

        ”Sinnloses wird mit Sinn belehnt, indem der
         Sinn von Sein gerade an seinem Widerspiel,
         der bloßen Existenz, als deren Form aufgehen soll.”
                                             Theodor W. Adorno

Durch die Welt gefahren
Auf den Zeitungen,

Zerbrochenen Schnee im Gepäck,
Fallwind,
Der die Luft vereist.

Und alles ist ein Davonlaufen
In Briefen,

Ein Verzögern,

Ist ein Verharren in der Abgeschlagenheit
Unter den glänzenden Augen
Der Dossiers
Vergilben meine Blätter,
Fallen ab und werden Ding.

Aber die Dinge haben ein eigenes
Leben,

Es öffnet sich nicht dem Blick
Der Akten.

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(Aus dem Band ”lebraum”, 1985)

 

* * *

OKTOBERNACHT

        ”Man konnte sehen, wie er vorüberstrich,
         weder zu langsam, noch hastig...”
                                                 Karl Krolow

Die Hotels
Wollen nichts von mir wissen.
Bin ich ein Besen,
Der die Stadt durchstreift?

Die Straßen lösen sich auf,
Die Häuser zerkrümeln,
Den Himmel gibt es noch
Hellwach in meiner Vorstellung.

(Wohin geht man,
Wenn man nirgendwo hin geht?)

Die Bäume verwandeln sich am Gehsteigrand
In einsame Frauen,
Die Nacht ist
Ein geschlossener Sarg.

Von Schlafzimmer zu Schlafzimmer
Wandert das Traummännlein,
Streut Gift und Farben über die Schläfer.

(Wohin führt mich das Wasser,
Wenn ich jetzt in den Fluß springe?)

Einer geht durch diese Stadt,
In seinem Kopf brennt das Land, Rauch
Dringt ihm aus Nase und Mund.

Fahrende Oktoberzüge,
Der Bahnhof kommt auf mich zu,
Ich umarme ihn wie einen Bruder,
Im eiskalten Wartesaal schlafen
Die Hasen.


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(Aus dem Band ”lebraum”)

 
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