Motto des Typoskriptes:

 

These fragments I have shored against my ruins.

                                                  (T.S.Eliot, The Waste Land)

Texte aus dem Poem
,,La Victoire”
* erschienen 2003 in der ,,Lyrikedition 2000”, München
Hrg. Heinz Ludwig Arnold
ISBN 3-935877-56-0
Preis: 9.50 €
 

A la fin tu es las de ce monde ancien.1

Apollinaire

* * *

Die Tage in diesen Längen- und Breitengraden
Sind kaltgestellt. Wir leben
Verschüttet im ungelobten Land. Und seine Mauern

Schienen mir aus Eisen.2 Es rinnt die Zeit
Dem Körper weg, rinnt durch
Die Stirn. Gleich hinterm Dorf

Ragen Wachtürme aus dem Feld,
Soldaten und Zäune aus Stacheldraht trennen uns
Von Landschaften,

Die im Kopf entstehen. Und jeden Morgen
Ist der Acker voller Spuren3
Von Gedanken, die nachts heimlich

Die Grenze überschreiten.

 

* * *

Manchmal tanzt ein Mädchen
Durchs Dorf, tanzt durch die Spiegel
Der Pfützen, wiegt die Hüften und wiegt
Sie, dreht sich im Kreise durch die Köpfe
Der Männer und Frauen, die zerren zitternd ihre Kinder
Unter die Flügel und flüstern verängstigt:
Die Windhexe
Kommt! Ein Luder, grün wie Klee,

Das schindet uns, so sagen die Männer über das
Mädchen, von dem Mädchen

Krank. Und unser Blut, wer es verwirrt, dem ist's
Verfallen...
12 Seht nur, wie sie sich dreht,
Wie sie tanzt, den Kopf wirft und den schönen Leib
Ins Herz uns schraubt, uns irr macht.
Offen trägt sie das seidige

Haar, die weißen Zähne blitzen wie
Solinger Klingen, ihr Mund trinkt Lethe und ist

Geschminkt so rot wie Blut, und ihre Augen sind wie Blau
Stein so blau. Einmal sie sehen, und zerr
Innen, sehen wie sie tanzt, die Feder
Leichte - auf und wieder, nur sie
Sehen und auf
Wiedersehen. Wann und wo?

 

 * * *

Ich zeige dir die Pflaumengärten,
Marie, unsere weiße Wolke, die
Sich bewegt mit uns. Während der Herbst

Die Blätter an sich reißt, die dünnen Blätter
Papier und jedes
Äderchen registriert. So schwimmt meine Haut

Neben deiner Haut durch das gestohlene
Land - jene Wolke,
Die nie vergeht. La Victoire!

 

 * * *

Wir bäumen uns auf,
Ihr träumt uns nieder,
Sie fälschen die Grammatik und das Wetter.

 

 * * *

                          J'ai hiverné dans mon passé...18 

                                                         Apollinaire

Der eingeübte Tagesablauf,
Die niedergetrampelte Stadt,
Das niedergetrampelte Land,
Jeden Abend trinkst du dich tiefer
In die niedergetrampelte Stadt,
In das niedergetrampelte Land,
Zu den niedergetrampelten Leuten
Mit den niedergetrampelten Augen.

Der Tod ist weiß
Wie Schnee, dann grün
Wie Klee, dann rot wie
Ein Loch im Himmel.

Jeder überwintert anderswo.
In einer verschwiegenen Lüge
Überwintern,
In einem verschwiegenen Satz
Überwintern,
In einem verschwiegenen Zeugen
Überwintern,
In einer verschwiegenen Frau
Überwintern,
In einem verschwiegenen Tod
Überwintern.

Das Rot ist grau,
Das Gelb ist grau,
Das Blau ist grau.

Die Farben sind müde.

 

 * * *

Im Hirn kratzen, klopfen
Gedichte, wollen auf die verbotene
Reise ins Buch.

Kaum machen sie sich auf
Den dünnen Blättern
Bemerkbar, hört man schon

Den Laufschritt der Stiefel,
Befehle, Flüche und Geräusche

Zersplitternder Glasur!

 

 * * *

Sie bauen viel,
Sie bauen hoch,
Sie bauen uns
Den Sieg auf den Fuß und die Bewegung wird
Zur Stiefmutter der Bewegung.

Ein glorreicher und ein ruhmreicher,
Ein entschiedener und ein überwältigender,
Ein kategorischer und ein endgültiger
Ein totaler und ein blutiger
Sieg. Der Frieden bricht
Aus, wir befinden uns mitten im Bürgersieg,
Schreibt der Dichter auf
Ein Blatt Papier.

Hörst Du die Posaunen, Guillaume?
Auf Erden singen die
Bestochenen Engel:

La Victoire, singen sie,
La, la, la, la.  Wir hören die Engel

Singen
Über der niedergetrampelten Stadt,
Über dem niedergetrampelten Land
Heulen die Sirenen.

(Ich kenne ein schönes,
Totes Mädchen, es tanzt in den Spiegeln!)

Von Sieg zu Sieg
Zur Niederlage. Vielsprachig lebt in den Siegern
Das Entsetzen und unbeirrt
Läßt der Schneekönig es
Niederschneien, der Gott des Göttergottes,
Und es winden sich die
Würmerseelen. Aber Stumme erhalten

Kein Land.

 

 * * *

In der Tiefe des Ostens
Bedecken uns die Jahrzehnte, Wörter
Wie Zentner Sand rinnen durch

Die geschundene Haut. Nur du, Geliebte, hörst sie
Schrein. In jeder Zelle brennt das
Leben, von dem Pound sagt,

Daß es vorbeischlüpft wie eine Feldmaus
Und nicht am Gras rüttelt22. Ich horche
In die Spuren, Geliebte,

In die unerhörte Pracht der Adern,
Lebendig bis zum letzten
Ton. Und was, Mädchen, haben wir schon,

Zu verlieren: Fünf Sinne,
Mit denen wir jung
Schon gegen viele

Winde stehn, und unsere Sprache,
In die wir eingeschlossen sind - Insekten,
Die durch Bernstein sehn...

 

 * * *

Und es dreht sich der Wind im Mantel,
        Und es dreht sich die Welt schnell
                weg von dir

Auge in Auge mit dem Oberst.

Du aber sitzt fest in diesem Land,
Sitzt im Inneren, im Gedärme
                              eines Verhörs und merkst wie
Entfernung zur Welt entsteht,

        hörst Zeitungswörter nachhallen
                 hörst Lautsprechersätze rauschen,

Eisentüren zufallen, spürst Rost
Auf den Augenlidern...

 * * *

Die Zeit kehrt zurück, klopft an
Die Schädel. Dort wohnt das Nichts,
Verflogenes Leben. Aus

Den Zeitungen rinnt
Der Speichel der Eifrigen,
Die Gegenwart -

Geschminkt mit Wimperntusche,
Falschen Schnurrbärten
Und Propheten.

 

 * * *

Sie sprachen leise über ihre Haut.

Die Stimmen schienen einsam und flatterten
In innerer Erregung. Siesprachen

Über eine Zeit, da Liebende
Leicht verlieren. Schnee trieb durchs Zimmer.

Schief gegen den Wind gestemmt schlug ich
Den Mantelkragen hoch. Die Augen leuchteten

Im Fieber. Die Sprache war verweht.

Was ich sah, war kein Weg, war
Kein Land. Im Gehen

Schien es mir,
Als wollte ich am liebsten vergehen, doch ich schrieb:

Jeder Strich verletzt die Welt!

 

 * * *

Die letzten Stunden im Grenzbahnhof Curtici
Haben kein Ende. Die Sätze sind verstummt,
Ausgebrannt. Die Zuikaflasche

Leer. März zersägt die Nacht
In Stücke, die nie mehr zueinander passen werden.
Auf Gleis 1 steht der Zug, wird durchsucht

Von Soldaten und Hunden, wird bewacht
Von Soldaten und Hunden. Der Zöllner hat die Koffer
Durchwühlt. Die Schreibmaschine

Ist abverlangt und beschlagnahmt,
Die Manuskripte, die Sprache. Macht euch
Fertig, befiehlt ein Offizier,

(Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles!25)

Und wir sind fertig. H(a)ut ab - wir schlingen
Die Arme um die Hinterbliebenen, Fäden
Unserer Sprachlosigkeit. Die Tränen

Sind beschlagnahmt Der Ausgang
Ist frei und hat den Hut
Auf! Geht jetzt, geht, sagen die Freunde,

Los, denn ihr lebt, sagen sie,
Dreht euch ja nicht mehr um, geht! "Wir
Gehen jetzt", sagen wir

Wie ein altgriechischer Chor, und es scheint,
Als hätten wir es geübt,
Das Gehen, die Kunst

Des Winkens im Morgengrauen. Es ist kurz
Vor fünf, und wir gehen. Jeder trägt
Einen Koffer und ein Messer

Im Rücken durch die Kontrolle. 
Irr wie in Romanen leuchten
Über dem Bahnsteig Sterne

Um ihr Leben. Ins Offene26

Gelehnt sehen wir es glitzern, hören
Befehle, Hundegebell. Die Lok
Pfeift. Das Mädchen ist tot! La Victoire, flüstere ich

In den Fahrtwind, la Victoire! Und schiebe
Das Zugfenster zu...

 
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