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„Festschrift" für einen Dichter

» Horst Samson von der Literaturzeitschrift BAWÜLON zum 60. Geburtstag gewürdigt Aus „Banater Post“ (München), Nr. 17-18, vom 15. September 2014

Die im Ludwigsburger POP-Verlag vom Verlagsleiter Traian Pop selbst herausgegebene Vierteljahresschrift BAWÜLON nennt sich im Untertitel „Süddeutsche MATRIX für Literatur und Kunst". Über den exotisch klin-genden Zeitschriftentitel - wohl ein „Kunstwort" - haben Rezensenten spekuliert: Hat er mit Baden-Württemberg oder gar mit Babylon zu tun? Wie dem auch sei, die Zeitschrift ist offensichtlich nicht nur nach eigenem Verständnis „ein Ort der Mehrstim¬migkeit und Kontroversen in poesia", sondern überzeugt durchaus durch inhaltliche Qualität und Vielfalt sowie durch ein ansprechendes, modernes Erscheinungsbild, Sie publiziert vor¬wiegend Texte süddeutscher Autoren, widmet sich allerdings auch der ost¬europäischen Gegenwartsliteratur und schenkt Exilschriftstellern aus dem östlichen Europa, nicht zuletzt dem Exil-PE.N, Club deutschsprachiger Länder besondere Aufmerksamkeit.

 

Zu den Autoren und Mitgestaltern dieser leider viel zu wenig bekannten Literaturzeitschrift - sie erscheint erst seit wenigen Jahren - zählen nam¬hafte rumäniendeutsche Literaten wie Ilse Hehn, Edith Konradt, Johann Lippet, Horst Samson, Dieter Schlesak. Rumäniendeutsche Schriftsteller sind auch in der langen Reihe der Buch-Autoren des POP-Verlags gut vertreten, darunter die aus dem Banat stammenden Julia und Robert Schiff, Kristiane Kondrat, Jan Corne¬lius, Johann Lippet, Anton Sterbling, Horst Samson. Aus besonderen An¬lässen rückt die Zeitschrift Werk und Wirkung eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin ins Zentrum einzelner Ausgaben. Nach Julia Schiff und Johann Lippet würdigt BAWÜLON nun in Nr. 2/2014 die Persönlichkeit und das vielseitige literarische Schaffen des in Albrechtsflor aufgewachsenen Dichters und Journalisten Horst Samson anlässlich seines 60. Geburts¬tags. Eine „Festschrift" der besonde¬ren Art! Nicht Laudationes sind hier versammelt, sondern eine Auswahl von Gedichten, Prosastücken und essayistischen Texten des Jubilars aus dreieinhalb Jahrzehnten. Sie bie¬ten einen eindrucksvollen Einblick in die thematischen Schwerpunkte, die sprachliche Originalität und den Formenreichtum seines literarischen Schreibens, nicht zuletzt auch in das bewegte Dichter- und Journalistenleben eines von Kindheitstagen ge¬zeichneten Banater Schwaben, gebo¬ren im Baragan, der den Drangsalie¬rungen der Ceausescu-Diktatur - wie andere banatdeutsche Autoren auch - in bedrohlichem Maß ausgesetzt war. Sein vielbeachteter Ge¬dichtband „La Victoire. Poem" (München, 2003) wird von Peter Motzan als „Protokoll einer Entheimatung und Zerstörung" bezeichnet. Über seine bitteren Erfahrungen in den dunklen achtziger Jahren in Temeswar, im Visier des Geheim¬dienstes Securitate, über den Literaturbetrieb und den zunächst immer noch lebendigen Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis, dessen Sekre¬tär er war, und schließlich über die Last des Neubeginns im Westen ab 1987 berichtet Samson ausführlich im Gespräch mit Stefan Sienerth, das gleichsam als verkürzte Selbstbiogra¬phie zu lesen ist.

 

Der Text-Reigen in BAWÜLON spannt den Bogen denn auch über dreieinhalb Jahrzehnte, bezieht noch in Rumänien entstandene und teils auch dort veröffentlichte Lyrik Horst Samsons mit ein und reicht bis zu seinen neueren, im POP-Verlag Lud¬wigsburg erschienenen Gedichtbänden: „Und wenn du willst, vergiss“' (2010) und „Kein Schweigen bleibt ungehört“ (2013), In die mit Bedacht geordnete Text-Montage sind aufschlussreiche literaturkritische und biographische Beiträge über Horst Samson eingefügt. Neben den rumäniendeutschen Kritikern Eduard Schneider, Peter Motzan, Katharina Kilzer, Edith Ottschofski erschließen dem Leser auch namhafte Literaten aus dem deutschen Sprachraum tief¬greifende, essentielle Aspekte der Dichtung Horst Samsons - so der Heidelberger Michael Buselmeier, der Rheinländer Theo Breuer und der Chemnitzer Jan Kuhlbrodt sowie die Schweizer Andreas Saurer und Erwin Messmer. Die umfassendste Einführung in Leben und Werk des Dichters stammt von Katharina Kil¬zer, vorgetragen bei einer Lesung des Autors 2014 in Frankfurt am Main.

 

Bemerkenswert ist - jenseits der Bewertung der sprachkünstlerischen Originalität von Samsons Lyrik - die Akribie und Einfühlungsfähigkeit der bundesdeutschen und Schweizer Literaturkritiker bei der Erschlie¬ßung der biographischen Wurzeln unseres Dichters und damit auch in der Wahrnehmung der jüngsten Ge¬schichte der Banater Schwaben. Die¬se Literaten nehmen sich übrigens die Freiheit, Samson zu bescheini¬gen, dass er - mit dem herausragen-den Band „La Victoire, Poem" - „zu¬handen der Nachgeborenen ein be¬deutendes Zeitdokument abgeliefert hat, dazu (...) einen Aufsehen erre¬genden Beitrag zur zeitgenössischen Lyrik" (Erwin Messmer).

 

Der kämpferische, zuweilen auf¬rührerische Ton der Gedichte Horst Samsons - er ist ein politischer Dichter mit Ecken und Kanten - wird ge¬mildert durch hohe Sensibilität und, so scheint es mir, eine über allem schwebende Melancholie. Sie ist auch deutlich spürbar in seinen Essays, so in seinen Gedanken zum wunderbaren Eichendorff-Gedicht „Mondnacht“.

 

In sprühender Sprache verankert Horst Samson im Kern seines bishe¬rigen Gesamtwerks Selbstbiographisches exemplarisch im zeitgeschicht¬lichen Geschehen der letzten vier Jahrzehnte, dem politischen Klima der Aussiedlungszeit, wird so zum poetischen Chronisten der Endzeit der Banater Deutschen in der Heimat und der Befindlichkeiten der Ausge¬wanderten beim Übergang in den westlichen deutschen Sprachraum, Die Frage, ob dieser Vorgang als Emigration bzw. Exil zu deuten ist, muss offen bleiben.

 

Walter Engel


 
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