Mittwoch, 26. Dezember 12 um 11:30 Alter: 4 Jahr(e)

Lesung an der Uni München


Einführung von Dr. René Kegelmann (IKGS München) zur Lesung von Horst Samson

Lesung Horst Samson am 7.12.2012 im IBZ München

 

Ich freue mich sehr, heute Horst Samson (und seine Frau Edda) hier in München begrüßen zu dürfen. Die heutige Lesung ist Bestandteil einer Reihe von Autorenlesungen, die in loser Folge vom Institut für deutsche Sprache und Kultur e.V. an der LMU  (IKGS) in München veranstaltet werden.

Horst Samson dürfte vielen im Raum bekannt sein, zunächst als wichtiger Lyriker der rumäniendeutschen Literatur (zu der auch AutorInnen wie Herta Müller, Richard Wagner, William Totok, Johann Lippet und Ernest Wichner gehören) , aber nicht weniger als streitbarer Mensch, der sich in die Debatten einschaltet, Stellung bezieht, unbequem ist, aneckt.

„Ich schreibe und rufe um Hilfe unter der Last der eigenen Haut. Auf der Suche nach der Übersetzung des Lebens in nachhaltige Verse drücke ich mein Dasein aus, wie andere ihre Zigaretten.“, schreibt Samson in „Der Diskurs des Dichters. Eine Meditation über die Kunst des hohen C“ (abgedruckt in Spiegelungen 4/ 2008).

Das könnte als (zumindest ein) Motto über seinen Texten stehen. Doch der Bogen spannt sich zunächst weit zurück: 1954 als Kind von Banater Schwaben im Weiler Salcîmi/ Rumänien in der Bărăgansteppe geboren, wohin seine Eltern deportiert wurden, wird er nach seiner Ausbildung zum Lehrer, die er teilweise in Hermannstadt (bei den Siebenbürger Sachsen) absolviert (Eltern wollten, dass er Lehrer wird und schickten den Sohn als 14-jährigen über 600 Kilometer in die Fremde nach Hermannstadt), zunächst Grundschullehrer in Busiasch im Banat. Zwischen 1977 und 1984 arbeitet Samson als Journalist bei der Neuen Banater Zeitung (Temeswar) sowie als Redakteur der Neuen Literatur (Bukarest). Der Schriftsteller  stand in den 70er Jahren der regimekritischen Aktionsgruppe Banat (1972-75) sehr nahe (wenngleich kein Mitglied) und war zwischen 1981 und 1984 Sekretär des Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreises in Temeswar. Der AMG-Kreis war damals der wichtigste r.d. Schriftstellerkreis, der weit über die Banater Grenzen hinausreichte – Schriftsteller aus allen Landesteilen unter Vorsitz von Nikolaus Berwanger waren darin versammelt, darunter auch Rolf Bossert, Joachim Wittstock, Hellmut Seiler etc. Sein Ende – offiziell eingeleitet durch die sog. Bulhardt-Affäre (Franz-Josef Bulhardt war stalinistischer Reimer, Streit, ob er auszuschließen sei, dann blieb Berwanger in der BRD, Wagner war zurückgetreten) markierte auch eine endgültige Eiszeit in Rumänien und verstärkte Verbote und Überwachungen durch die Securitate. In den wenigen Jahren, die  bis zur Ausreise Samsons mit seiner Familie in die BRD 1987 blieben, waren wohl für den Schriftsteller und seine Familie die schwierigsten, weil sie mit Schreibverbot (seit 1985) und permanenten Repressionen und Bedrohungen verbunden waren. Samson hat später auch sehr eindringlich die Todesangst geschildert, die er damals empfunden hatte, v.a. nachdem die Securitate das Gerücht gestreut hatte, er würde als Spitzel arbeiten.

Gerade zu dem Zeitpunkt, als er auch Morddrohungen erhielt (die wohl, wie seine Akten nach der Öffnung 2006 zeigen, ernst gemeint waren), ließen sich die Schriftsteller-Freunde in den westdeutschen Schriftstellerverband aufnehmen (VS), ohne Samson zu informieren (über Rundfunksender Freies Europa erfuhr er mehr), während er selbst zunächst schutzlos und isoliert war.

1987 kann Horst Samson schließlich mit seiner Familie in die BRD ausreisen; heute lebt er in Neuberg/ Hessen und arbeitet als Redaktionsleiter des Bad Vilbeler Anzeigers in der Nähe von Frankfurt/ Main. Nach der späten Freigabe der Securitate-Unterlagen im Jahre 2006 konnte der Schriftsteller Einsicht in seine Akten nehmen. Sie belegen eine beinahe lückenlose Überwachung Samsons, der vom rumänischen kommunistischen Geheimdienst als „schädliches Element“ und „westdeutscher Spion“ geführt wurde. In einem ausführlichen Interview mit Stefan Sienerth hat Horst Samson seinen Umgang mit den Akten sehr genau beschrieben (das Spiegelungen-Interview von 2008 haben wir in mehreren Exemplaren mitgebracht und Sie können es gerne nachher kostenlos mitnehmen). Beeindruckt hat mich seine Entschlossenheit (und das mag charakteristisch sein), die Akten bis ins letzte Detail aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dabei arbeitete er auch eng und unermüdlich mit anderen Autoren der Aktionsgruppe Banat (wie z.B. Johann Lippet) zusammen.

 

Die Gedichte (bislang 7 Lyrikbände) von Horst Samson – die jüngst 2010 in einer schönen Zusammenstellung im Ludwigsburger Pop Verlag erschienen sind – geben Zeugnis seines Weges und in ihnen spiegelt sich gewissermaßen rumäniendeutsche und natürlich auch (wenn auch wesentlich weniger umfangreich) bundesrepublikanische Geschichte. Von seinem Buchdebüt in Rumänien 1978 („Der blaue Wasserjunge“) über die in der erwähnten Anthologie enthaltenen Bände „Tiefflug“ (1981) „Reibfläche“ (1982) und „Was noch blieb von Edom“ (1994) bis hin zu seinem großen und viel gelobten Poem „La Victoire“ (2003) reicht die Spannbreite, und es wäre vermessen, sie auf einen Nenner bringen zu wollen. Die frühen lyrischen Texte Samsons bearbeiten – oftmals interpunktionslos - mal lakonisch, mal drastisch einen zunehmend dumpfer werdenden sozialistischen Alltag, dessen Auswirkungen auf (das lange noch vorhandene) lyrische Ich in Sprachlosigkeit, Beklemmung und Entfremdung, auch zunehmender Verschlüsselung und in verstörenden Vergleichen und Bildern sichtbar werden, wie in „Bildwerfer“ (1982): das zusammenleben/ mit dem engagement// wird schwieriger/ vergeblicher die mühen// die wirklichkeit in die nähe der wahrheit// zu bringen/ kein auf schweigen reduzierter fleck// auf der wand zu sein/ oder eine kippe// die man wegwirft/ und zertritt“ (S.57) oder in „Rumania by Night“ (S. 87): „Unaufhaltsam/ Wächst in den Wörtern/ Der Tumor“. Was das für einen zu bedeuten hat, der im Gedicht „Reibfläche“ schreibt „das gedicht ist keine weltabgewandte nische“?, lässt sich leicht ermessen.

Beeindruckend sind viele Texte von Samson, weil sie sehr knapp und prägnant Zustände, Gefühle, Beobachtungen benennnen, ohne Lösungen anzubieten: „Doch die Macht schaltet  - die Sprache aus!“ Die Konsequenz ist die Ausreise in den Westen, der aber kein goldener ist: „Planmäßig sitzt du im Abteil/ Und liegst unter den Rädern.“ (Reise aus der knirschenden Zeit, S. 104). Im Westen hat Samson eine ganze Reihe Gedichte geschrieben, von denen jüngst auch wieder „Phlippsruher Elegie“ und „Schwedeneck“  in der Zeitschrift Rhein! Nr. 5 (Zeitschrift für Wörter, Bilder, Klang. Kunstverein KUNSTGEFLECHT e.V., Oktober 2012) erschienen sind. Auch wurde er hierzulande mehrfach ausgezeichnet, so als Stipendiat des Deutschen Literaturfonds Darmstadt 1988/89 und mit dem Meraner Lyrikpreis 1998 geehrt. Seine Texte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, so ins Englische, Französische, Russische, Rumänische und Ungarische.

Durchaus darf man annehmen, dass in Samsons Gedichten eine gehörige Portion Sprachspiel und –witz enthalten ist. In seinem eingangs erwähnten Artikel schreibt der Schriftsteller für meine Begriffe sehr treffend: „Ich spiele gerne mit den weißen und schwarzen Tasten des Lebens, der Polysemie der Zeichen, mit Sprache, Pronomen, Metaphern und Bildern und dem Rhythmus der Existenz, mit Hals-, Bein- und Zeilenbruch. Ich bin ein Musiker, ein Spieler, das war ich schon immer, lange bevor ich mein erstes Instrument erlernte.“ (ebd., 357)

Freuen Sie sich jetzt mit mir auf die Lesung von Horst Samson. Danach signiert Horst Samson gerne noch und wir würden Sie gerne auf ein Glas Wein oder Saft im Foyer einladen.

[...Originaleinladung, vierseitig]


 
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